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Care & Corona

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Vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Schreibaufruf „Care & Corona“!

An dieser Stelle sammeln wir in den nächsten Wochen und Monaten alle eingereichten Beiträge, die uns über careundcorona@kardinal-koenig-haus.at erreichen.
Da die Seite noch im Entstehen ist, wird sich die Darstellung im Laufe der Zeit ändern – wir freuen uns aber jetzt schon über Ihre Beteiligung!

Nadja Sattmann, Pädagogin und Programmassistentin, Kardinal König Haus
Klaus Wegleitner, Assoc. Prof. Universität Graz, Obmann Verein Sorgenetz
Patrick Schuchter, stv. Leiter Hospiz, Palliative Care, Demenz, Kardinal König Haus, wiss. Mitarbeiter Universität Graz

Alle Infos zur Aktion:

PDF-Datei: Care & Corona – Informationsplakat

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Palliative Care in Zeiten von Corona – Kein „Nice-to-have

Neben vielen sozialen und gesellschaftlichen Erkenntnissen – ausgelöst durch die Corona-Pandemie - bestätigt mich vor allem ein wichtiger Punkt: Palliative Care ist kein „Nice-to-have“, sondern ein „Need-to-have“. Fragen zur Gestaltung des Lebensendes, der Verteilungsgerechtigkeit und der Sorge für mich und andere sind 2020 ganz zentral. Palliative Care muss hier breit gedacht werden. Die Reflexion des Begriffs der Sorge (für mich und für andere) spielt dabei eine übergeordnete Rolle. Sie ist von zentraler Bedeutung.

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Wir müssen Gespräche (Dialoge) am und zum Lebensende im Sinne von Zuhören und Erzählen fördern. Wir müssen Sorgegespräche (Care Dialogue) in die Lebenswelt der Beteiligten bringen, um dort anknüpfen zu können. Und wichtiger denn je: Jeder und jede kann diese Gespräche führen. Es gibt hier keine Zugangskriterien, es muss nicht effizient sein und es müssen keine Lösungen präsentiert werden. Wir wären gut beraten, wenn wir die Kompetenz Sorgegespräche zu führen, zunehmend von der Institution an die „sorgende“ Gesellschaft (also an uns alle, in die Familien, in die Kommune, in unser Netzwerk) zurückgeben. Also dorthin, wo sie (auch) hingehören.

Michael Rogner

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Es gab sicher viele „Schlüsselerfahrungen“, aber...

eine ist uns besonders in Erinnerung geblieben:
Corona hat uns alle beschäftigt. Es kam wie eine Flut über uns und es machten sich schnell ganz viele Gefühle breit: Angst, Panik, Schock, Aufregung,….. Was machen wir nun mit unserer Arbeit am Menschen, die sowieso schon schwierig ist und mit ganz viel Feingefühl zu absolvieren ist??

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Uns / mich hat dabei besonders „unser“ Engagement der Ehrenamtlichen und der selbstverständliche Zuspruch für unsere Arbeit von den verschiedensten Ebenen  berührt. Jeden Tag haben wir uns darüber den Kopf zerbrochen, wie wir weiter machen können? Den Menschen weiter begleiten, trotz aller gebotenen Vorsicht und der besonderen Umstände. Wir haben uns dann ganz schnell entschieden, dass wir weiter verlässlich arbeiten wollen und für den Menschen da sein wollen. Gerade jetzt! So ging es gefühlt in Sekunden los. Von allen Seiten kam unaufhaltbare Motivation, neue Ideen, Engagement, vor allem Herz und Haltung zu unserer Arbeit. Und HILFE!

Unsere eigene Nähtruppe ging an die Nähmaschinen und machte Mundschutze. Apotheken machten uns Desinfektionsmittel fertig und gaben es zu tollen Konditionen ab. Und dann brauchte es nur noch Einmalhandschuhe: Auch diese konnten wir ergattern und zackig packten wir unsere eigenen „Schutzpakete“ für unsere Begleiter*innen. Währenddessen kamen plötzlich Spenden ins Haus, um genau das zu unterstützen. Mit den Worten: „Wenn wir auch sonst nicht viel tun können, aber das können wir Ihnen geben!“ Was für großartige Menschen – alle zusammen. Dann noch ein Artikel in der hiesigen Zeitung, um den Bürgern*innen deutlich zu machen: „Wir machen weiter, melden Sie sich gerne, wenn Sie Hilfe benötigen!“ Und dann ging es auch sofort wieder los. Ganz anders, aber wieder da sein und helfen können. Darum ging und geht es uns.

Zusammenhalt und einfach Anpacken!!! Jeder*jede mit seinen*ihren Talenten. Mit Kopf, Hand Herz und Fuß. Sehen, worauf es wirklich in solchen schweren Situationen ankommt und handlungsfähig bleiben.
Was für ein großartiges Gefühl in so einer krisenreichen Zeit!!!

Elisabeth Beerling-Albert 

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Alles ist anders

Auf meinem Fahrrad fahre ich durch die Stadt, das darf ich, denn Sport ist erlaubt. Scheinbar weiß das keiner, aber ich bin mit Abstand die Einzige, die hier in unserer großen Stadt diesen Sport ausübt. Ich bin ins Zentrum gefahren, habe mein Handy dabei und fotografiere, weil so etwas gibt es bestimmt lange nicht mehr. Alles ist leer – die Straßen, die Bürgersteige, die Bänke, das Pflaster, auf dem sonst Tausende Füße herum trippeln – leer.

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Die Läden, in denen sich mancher Trödel stapelt – geschlossen. Die Museen, die sonst von Kunstbegeisterten aus aller Welt gestürmt werden – verrammelt. Die Cafes, in denen man so schön die Zeit verbringen kann mit dem Studium der Leute – dicht. Ebenso die kleinen und großen kulturellen Darbietungen, wie Musik, Theater und Tanz – diese Medien sind auf unbestimmte Zeit nicht er-fassbar.

Was mich daran stört, ist diese Leere, die überall herrscht, ist diese Schockstarre, in die so viele Menschen gefallen sind, ist diese Angst vor etwas Unbekanntem, die uns allen von hinten über den Nacken in den Hals und ins Gesicht kriechen kann. Und wenn diese Angst dann erstmal unseren Kopf erreicht hat, geht gar nichts mehr für die Einen. Stumm ertragen sie alles, was der Fernseher dudelt, verkriechen sich hinter Ihren Laptops und Steppdecken und lassen die Zeit an sich vorüber ziehen. Und verlieren diese Angst nie mehr wieder. Oder sie wachen vielleicht irgendwann auf – und sind wie gereinigt von alldem, was sie früher gequält und behindert hat. Sie fühlen sich, als könnten sie jetzt alles anders machen, als wäre ihnen eine neue Chance gegeben. Sie trauen sich Dinge zu, die sie früher nur anderen zugetraut hätten.

Diese Angst kann sich aber auch in eine kleine immer vor sich hin plärrende Zecke verwandeln, die ihren Platz im rechten Ohr hat. Sie hört nicht auf, sich zu beschweren, wie mühsam jetzt alles sei, und wie sehr man es doch verdient hat, jetzt gerade alles anders zu machen, und dass man selbst gar keine Schuld hat an der Situation – aber es gibt da andere, die beschneiden die Zeit, in der ich auf die Straße kann, die schreiben mir vor, wen ich treffen kann und wen nicht, die mischen sich ein in meine Kleiderordnung, plötzlich soll ich was vorm Gesicht tragen – Bähhh - , die sagen, dass ich arbeiten kann und dann wieder nicht, die sind mir ja so etwas von leid, alle diese Verbote, die auf mir liegen wie bei einem dick belegten Hamburger und alle trampeln auf mir herum. Und inzwischen ist die Zecke weiter gewandert, denn das haben ja Zecken so an sich und plärren ins nächste rechte Ohr.

Die Angst kann aber auch zu ungeahnter Kraft umgewandelt werden, Kraft, die in Worte, in Noten, in Videos, in Lachen, in Aktivität umgesetzt wird. Und dann entstehen Sachen, die, wenn die Angst nicht erst einmal dagewesen wäre, nicht entstanden wären. Die Angst kann sich manchmal auch gar nicht entfalten, da nämlich, wo sie keinen Platz findet, wenn Leben gerettet oder Sterben begleitet wird, wenn Hilfe nötig ist und Hilfe gegeben werden kann und muss. Sie zeigt sich manchmal in einer zitternden Hand beim Zigarette rauchen in der Pause, beim Herzklopfen in der gefühlten langen Pause nach dem Klingeln an einer Wohnungstür und beim Lesen der Mails von nahen, aber jetzt ganz entfernt lebenden Verwandten.

Jetzt ist diese stille Phase schon lange vorbei. Wenn ich jetzt mit dem Fahrrad fahre, muss ich aufpassen, denn irgendein Auto oder irgendein Laster will mir meistens die Vorfahrt nehmen – aber nein, da winkt es aus dem einen Auto und da hupt der Lasterfahrer und lässt mich vorbei – träume ich, oder kann es wirklich sein, dass jetzt ein bisschen mehr Rücksicht da ist? Schwer war es, in der leeren Stadt herum zu fahren, aber muss sie denn immer so voll gestopft werden? Und muss ich wiederum überall hin reisen, nur damit ich sagen kann: ich war auch dort! Müssen denn wirklich so viele Flieger in alle Welt fliegen? Und kann nicht diese Hilfsbereitschaft, die überall aufgeflackert ist, nur ein kleines bisschen erhalten werden? Und kann man denn auch mal mitdenken, auch in einem Job, wo das nicht erwünscht war? Und können manche Menschen nicht den Mut fassen und neue Sachen denken und neue Sachen bewegen, die dem Menschen nutzen und dafür ihre alten Pfade verlassen? Und können Regierungen genauso handlungsorientiert wie in der Krise arbeiten und nicht nur den großen Unternehmen unter der Hand Millionen zuschieben? Und kann ich nicht auch etwas dazu tun, dass diese Welt, in der wir leben, ein kleines bisschen lebenswerter wird?

Alles ist anders jetzt – vielleicht - hoffentlich!

Berit Kaboth

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Der abrupte Stopp der ehrenamtlichen Besuche...

in einem Altersheim, nicht mal Zeit für Abschiede. Meine Gedanken waren die ganze Zeit bei den Menschen dort und in den vielen anderen Einrichtungen auf der ganzen Welt, die plötzlich auf sich selbst und die überarbeiteten Pflegekräfte angewiesen wurden. Wie erklärten die Pfleger*innen Menschen mit Demenz, weshalb der Alltag plötzlich auf den Kopf gestellt wird und kein Besuch mehr kommt?

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Wie viele einsame und angstvolle Todesstunden mag es gegeben haben? Wie ist es als Angehörige, die geliebten Menschen von heute auf morgen nicht mehr sehen zu dürfen? Die herzzerreißende Berichte aus kanadischen Pflegeheimen, in dem Hilfsbedürftige tagelang nicht mal gewaschen wurden, machte dies zur wahrhaften Passionszeit.

Was ist der richtige Weg für Christen in dieser Situation? Soll das radikale Liebesgebot über Sorgen um Sicherheit und Tod stehen? An große Vorbilder aus der Vergangenheit habe ich gedacht, wie z.B. die „Grauen Schwestern“ in Montreal, die sich im 19. Jahrhundert bei einem Ausbruch von Typhus um die erkrankten Einwanderer am Hafen kümmerten und dabei selbst oft tödlich erkrankten. War nicht das Lebensbejahende, von dem Jesus spricht, immer mit dem aus Menschenliebe Todesbejahenden eng verwoben?

Aber dann wurden diese Fragen etwas geerdet. Todesmütig zu sein hätte nur Sinn, wenn meine Tätigkeit selbst lebensrettend wäre, wie es der Fall mit unseren medizinischen und pflegerischen Fachkräften ist. Und in der heutigen Situation würde ich bei einer Selbsterkrankung unter Umständen die Fachkräfte im Gesundheitssystem noch mehr belasten. Dennoch fällt es sehr schwer, weiterhin untätig zu sein: die „rationalen“ Gründe und das „aktionistische“ Herz stehen in großer Spannung zueinander.

Die Kreativität, die die Welt gezeigt hat, um Yogakurse, Konferenzen usw. während des Lockdowns zu ermöglichen, würde ich mir auch im Bereich der Altenpflege sowie des Ehrenamtes sehr wünschen. In Portugal, schrieben die Zeitungen, wurden Hebebühnen außerhalb Pflegeheime aufgestellt für Besuche am Fenster. Es gab sicherlich noch einige pfiffige Ideen von einzelnen Einrichtungen, aber bei weitem nicht so viele oder so weittragende wie in anderen Bereichen. Die Grundprobleme und -fragen bleiben immer noch bestehen.

Wie eine überdimensionale Zeitlupe hat die Pandemie gravierende gesellschaftliche und strukturelle Ungerechtigkeiten schmerzlich klar ans Tageslicht gebracht. Unsere Mitmenschen, die unter diesen Ungerechtigkeiten leiden, dürfen nicht von uns alleine gelassen werden.

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Unsere Gesellschaft

Zuerst möchte ich mich bedanken, falls hier wirklich alles gelesen bzw. auch akzeptiert wird, denn so eine Idee ist prima. Ich hoffe, viele Leute machen mit und sind ehrlich.

Zu der Frage, was hat die Krise gezeigt, was wir vorher falsch gemacht haben, möchte ich mich in Stichworten äußern:

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1) Die Frage ist verkehrt gestellt, denn vor der Krise ist nichts falsch gemacht worden, sondern alles auf Macht und Geld ausgerichtet,  ohne auf die Belastbarkeit der Menschen zu achten (jedenfalls dem Großteil der Menschen)---genau den Maßstab des kapitalistischem System entsprechend...

Dabei will ich nicht behaupten, der Mensch sei unschuldig! Er baute sich in unserem derzeit besten System unnötige Barrieren auf ...... die Ungerechtigkeit nimmt zu sowie täglich die Schere zwischen arm und reich.

2) Das System wird immer härter, die Pflegepersonalien wurden zusammengestrichen, das Gesundheitssystem kaputt gespart.
Die Krankenhäuser massenhaft privatisiert. Die Pflegekassen immer mehr aufgebläht, statt zu reduzieren. ( Drei Krankenkassen wären genug für Deutschland). Wettbewerb ist gut und richtig, jedoch nicht an jeder Stelle. Die Konsequenzen sehen wir nun in aller Deutlichkeit. Seit über dreißig Jahren, nicht zielführend für uns Menschen, haben wir diese fehlgeleitete Entwicklung fortgesetzt unter dem Mäntelchen Fortschritt, immer mehr Gewinn und für einzellne immer mehr Macht und Geld.

Da selbstverständlich alles im Zusammenhang gesehen werden muss, setze ich hier erst einmal einen Punkt und komme zur Frage, was mich am meisten erschütterte:

Eine Kundin ist im Pflegeheim an Einsamkeit gestorben, nachdem ich sie nicht mehr besuchen konnte durch genannte Situation. Es gefiel ihr schon vorher nicht (Unterbringung im Heim) und ich war ihr einziger Halt.

Desweiteren der psychische massive Druck, der auf jeden Menschen durch die Medien eindrang--bis heut. Es gab Zeiten, da konnte man nicht abschalten überall und tausendfach diese Coronapräsens. Da werden Menschen krank, depressiv und ängstlich. Meine Bemühnungen diesbewzüglich, einigen Sendern mitzuteilen, dass sie mal eine Stunde Coronafrei senden sollten--gelang mir nur im MDR Sachsen.

Zu Ihrer dritten Frage, was danach wir anders machen bzw. wir uns bewahren sollten: Vielleicht äußere ich mich später noch einmal. Allerdings könnte man es auch ableiten, von dem, was ich bis jetzt schrieb.

Ich möchte jedoch nicht versäumen, dass bereits 2013 die Bundesregierung sich damit befasste.
Mit der Drucksache 17/12051 Vom 3. Januar 2013 unterrrichtete die Bundesregierung in  vollem Maße (zweiten Teil). Einzusehen  unter 1722051.pdf

Das sollten wir nicht vergessen.

Abschließend möchte ich Ihnen einen Brief an unseren Bundespräsidenten von mir senden, der bis heute unbeantwortet blieb, vor dem Ausbruch der Krise geschrieben und dieses sagt auch viel zum o.g. Thema.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

Sie riefen mit Ihrer Rede in Zwickau zum Aufstehen gegen Hass auf.
Recht haben Sie unbestritten, doch das reicht bei Weitem nicht! In Ihrer Rede und auch in denen anderer Verantwortlicher Poitiker vermisse ich immer wieder, das kleine Wort WARUM?

Jede Erscheinung, jede aktuelle Tatsache, jede Handlung, jede Entscheidung haben Ursachen.
Diese auszusprechen, dann analysieren und dann negative Ursachen abschaffen. Das wäre der gangbare Weg zur Bekämpfung aber auch zur Erhaltung der Demokratie.

Mir liegt es fern, verwirrende Fehlentscheidung der regierenden Parteien hier aufzuzählen, denn mir ist bewusst, falls Sie jeweils diese Nachricht persönlich lesen, werden Sie mir niemals antworten. Und genau  das ist der erste Punkt, Kritik wird niemals beantwortet...

Trotz alledem schreibe ich Ihnen, das ich in folgenden Kriterien die Ursachen sehe:

Bildungssystem in unserem Land
ständig wachsende Bürokratie, die Menschen werden zerrieben in diesem Rad von Bestimmungen  ( z.B. Datenschutz)
mächtiger Apparat in Brüssel
Niedrigzinspolitik
Internet----keine Kontrolle mehr
arrogantes Auftreten von Politikern
Globalisierung, kein Land kann mehr für sich allein sorgen, da die Machtgier der Konzerne dies verhindern....

Undine N.-Sommerer

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Begleitung von Schwerkranken in Zeiten von Corona

Mein Name ist Burkhard Häfner. Ich bin ehrenamtlicher Hospizbegleiter bei den Aschaffenburger Maltesern und heute ist Christi Himmelfahrt 2020. Wir befinden uns also immernoch mitten in der Coronapandemie. Mit der Himmelfahrt haben es meine Begleiteten nicht so eilig – wie die allermeisten von uns. Trotzdem ist der Tod nicht etwas, das, realistisch betrachtet, noch sehr fern für sie ist.

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Die eigene Sterblichkeit ist im Bewusstsein meiner Begleiteten daher sehr präsent. Dabei ist mein „offiziell“ Begleiteter, ein 88 Jahre alter Herr in einem Altenpflegeheim, für sein Alter noch recht fit. Ihn darf ich aber wegen der epidemiebedingt erlassenen Kontaktbeschränkungen leider nicht mehr besuchen. Mein „inoffiziell“ Begleiteter, den mir die Wochenzeitung Die Zeit im Rahmen der Aktion „Deutschland spricht“ (über Corona!) als Gesprächspartner vermittelt hat, ist erst 52 Jahre alt, Vater einer 8-jährigen Tochter, die er gerne aufwachsen sehen würde, und unheilbar an Krebs erkrankt. Wir skypen ein- oder zweimal die Woche.

Krebs diagnostiziert wurde auch bei meiner Mutter, 88 Jahre alt, wieder. Und das ausgerechnet nachdem sie ihren Brustkrebs fünf Jahre lang rezidivfrei überlebt hatte. Wir wollten das gebührend feiern, doch daraus wurde nichts. Ein Lymphom hatte begonnen ihre blutbildenden Zellen im Knochenmark so weit zu verdrängen, dass sie immer schwächer wurde, wie nach zweimaligem, kurzen Krankenhausaufenthalt zur Abklärung der durch den Hausarzt diagnostizierten schweren Anämie, festgestellt wurde. Während der ersten dreitägigen Hospitalisierung wurde nach Blutungen im Magen oder Darm gesucht. Man fand keine.

Damals konnte ich sie noch täglich besuchen. um ihr Mut zu machen und um ihr ein Stück Kuchen mitzubringen, das sie immer gerne gegessen hat. Die behandelnde Ärztin erklärte uns bei der Entlassung, dass noch eine Knochenmarkpunktion anstehe. Mir war klar, was das bedeutet, denn ich hatte über ein Jahrzehnt in einem Pharmaunternehmen an Medikamenten zur Behandlung von Leukämien und Lymphomen geforscht. Dann verlor ich durch eine Umstrukturierung – ich hatte bereits drei Entlassungswellen miterlebt, war aber von ihnen verschont geblieben – meinen Arbeitsplatz. Mit um die 50 Jahre waren ich und die anderen Entsorgten in diesem Alter wohl zu teuer geworden, denn es wurden zwei Jungwissenschaftler an meiner Stelle eingestellt, die es aber beide kein Jahr bei „uns“ aushielten. US-Manager sind nicht jedermanns Sache. Meine Entlassung traf sich gut - ich kann es heute so sehen. Damals machte sie mir schwer zu schaffen, denn ich hatte viel Herzblut vergossen während meiner Zeit als Pharmaforscher und war auch nicht vollkommen erfolglos gewesen. Warum traf sie sich gut? Weil meine Mutter schon seit Monaten mit einem Knoten in der Brust herumlief, wie sie mir während eines Besuchs bei mir in Belgien zur Zeit meiner damals drohenden Arbeitslosigkeit berichtete. Sie war 83 Jahre alt und lebte seit 1991, nachdem mein Vater an Darmkrebs verstorben war, allein. Meine Mutter hatte meinen Vater drei Jahre lang aufopfernd gepflegt. Ich war weit weg an der Uni. Sie hatte sieben lange Monate auch mir beigestanden als ich 2001 selbst an Krebs erkrankt war und nach einer zehnstündigen Operation fünf Monate nicht arbeiten konnte. Während dieser Zeit erhielt ich auch sechs Wochen lang Strahlentherapie. Dazu machte meine Mutter mein Elternhaus dicht und zog zu mir nach Belgien. Jetzt war es an mir, mich zu kümmern und ich brach meine Zelte in Belgien, wo ich fast achtzehn Jahre lang gelebt und gearbeitet hatte, ab und zog bei ihr ein mit der Absicht nach ihrer Operation und Strahlenbehandlung in Deutschland eine neue Stelle in der näheren Umgebung zu finden. Daraus wurde nichts. Als sie ein Jahr später einen Kleinhirninfarkt infolge einer Thrombose erlitt, gab ich meine zäh verlaufende Stellensuche auf um sie nicht zur Pflege in ein Heim geben zu müssen. Inzwischen hatte ich auch die Ausbildung zum Hospizbegleiter bei den Maltesern in Aschaffenburg absolviert. Ich interessierte mich schon seit meiner Zeit in der Pharmaindustrie für palliative Versorgung, da mir immer deutlicher geworden war, dass wir noch weit davon entfernt sind, viele Krebspatienten durch Behandlung mit Medikamenten heilen zu können. Wie mir die Coronakrise bestätigt hat, war es die richtige Entscheidung gewesen, meine Mutter zu pflegen, denn ich würde sie jetzt schon seit Wochen nicht im Heim besucht haben können. Womöglich wäre ihre erneute Krebserkrankung in der aus der Epidemie resultierenden Ausnahmesituation in Pflegeheimen gar nicht entdeckt und behandelt worden. Ich weiß es nicht. Während ihres zweiten dreitägigen Krankenhausaufenthalts, konnte ich nur mit ihr telefonieren, da Krankenbesuche selbst durch nahe Verwandte nicht mehr erlaubt waren. Das Telefonieren gestaltete sich schwierig. Sie war noch nie technikaffin gewesen und kam mit dem ungewohnten Krankenhaustelefon an ihrem Bett nicht zurecht. Wer weiß, wie es mir mit fast 89 Jahren ergehen würde? Inzwischen hat meine Mutter ihre erste Kombination aus Antikörper- und Chemotherapie im MVZ Onkologie Aschaffenburg erhalten. Das dauerte acht Stunden und man machte eine Ausnahme für sie, so dass ich trotz der strengen, durch die Epidemie bedingten, Regeln bei ihr bleiben durfte, was Angehörigen im Moment eigentlich nicht gestattet wird. Das hat sie sehr beruhigt und man hätte auch keine Pflegekräfte zur Verfügung, um sie im Rollstuhl auf die Toilette fahren zu können, wurde mir gesagt.

Noch vor Ausbruch der Coronaepidemie berichtete mir Christina, eine der beiden Hospizdienstkoordinatorin bei den Maltesern in Aschaffenburg, dass eine liebe ehrenamtliche Kollegin, schwer erkrankt ist. Wieder Krebs und einer, der nur selten kurativ behandelt werden kann. Christina bat mich, doch mal bei ihr anzurufen, da wir beide uns recht gut kennen und verstehen. Das habe ich seither regelmäßig getan. Sie erhält jetzt bereits die zweite Chemotherapie, die ihr, genau wie die erste, zu schaffen macht. So kann man, schneller als man sich das vielleicht jemals vorgestellt hat, von der Begleiterin oder dem Begleiter zum begleiteten Menschen werden.

Die Ausgangsbeschränkungen, die von unserer Regierung erlassen worden waren um die Ausbreitung der Epidemie einzudämmen, haben mich eigentlich nicht eingeschränkt, da ich als pflegender Angehöriger ohnehin ans Haus gebunden bin und sowieso nur zu Einkäufen, Arztbesuchen und Apothekengängen dieses verlassen kann. Da hat man dann viel Zeit um im Internet Zeitung zu lesen - über Corona vor allem. So tauchte eines Tages auf der Webseite der Zeit ein kurzer Fragebogen zur Krise vor mir auf dem Bildschirm auf unter dem Titel „Deutschland spricht“. Ich füllte ihn spontan und aus dem Bauch heraus aus und dachte mir, damit hätte ich gesprochen. Einige Tage später erhielt ich dann eine E-Mail von der Zeit und später selbst einen Anruf durch den zuständigen Redakteur. Man erklärte mir, man hätte einen Gesprächspartner für mich gefunden, der alle Fragen konträr beantwortet hätte, und ob ich nicht mit ihm Kontakt aufnehmen wolle, um mit ihm über unsere unterschiedliche Wahrnehmung der Krise zu sprechen. Das tat ich gerne, vor allem als ich erfuhr, dass er leider an Krebs erkrankt ist und palliativ behandelt wird. Er heisst Stefan und wohnt mit Frau und Tochter in Hamburg. Wir tauschten E-Mails aus, in denen wir uns gegenseitig vorstellten und erlaubten, ungewohnt unisono, der Zeit, über unser darauf folgendes Gespräch via Skype zu berichten. Um Fotos von mir machen zu können, die Teil des von der freien Journalistin Katrin Blum verfassten Artikels werden sollten, reiste sogar eigens eine Fotografin aus Hamburg zu mir. Einige Aufnahmen wurden, des besseren Lichtes wegen, vor unserer Haustür gemacht. Die Nachbarn müssen gedacht haben, ich hätte mich für einen Job als Model beworben. Der interessierte Leser kann den Artikel unter dieser Webadresse aufrufen: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-05/deutschland-spricht-tod-krankheit-pflege-angehoerige.

Seither haben Stefan und ich noch zweimal geskypt und heute wird es ein drittes Gespräch zwischen uns geben. Es besteht beiderseits anhaltendes Interesse, da wir fanden, dass wir trotz aller Unterschiede in unserer Sicht auf die Coronaepidemie, die auf einer unterschiedlichen Perspektive beruht, viel gemeinsam haben, wie zum Beispiel unser Interesse an wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Themen - und natürlich unsere Erfahrungen mit der Krankheit Krebs. Ob sich aus diesem mehr oder weniger zufälligen Kontakt eine Art Begleitung aus dem Homeoffice für mich ergibt, wird sich zeigen. Ich fände es jedenfalls spannend zu erkunden, ob und wie das mittels sozialer Medien zu erreichen ist, wenn man sich leider nicht persönlich begegnen kann. Es wäre meiner Ansicht nach nur die zweitbeste Lösung aber noch allemal besser als gar keinen Zugang mehr zu dem begleiteten Menschen zu haben. Man kann natürlich auch telefonieren aber mittels Videotelefonie a la Skype geht das Kontakthalten noch besser, quasi trotz der Entfernung von Angesicht zu Angesicht, da man die Mimik des Gesprächspartners beobachten kann. Häufig sind Begleitete ja gar nicht mehr in der Lage, viel zu sprechen. Natürlich müsste vielen Alten oder Schwerkranken unter ihnen von Pflegenden geholfen werden, die Verbindung über den PC herzustellen. Das ist vielleicht gar nicht so selbstverständlich, wenn man die extreme Arbeitsbelastung der Pflegekräfte gerade in dieser Zeit berücksichtigt. Ich hoffe daher sehr, dass es für alle alten und kranken Menschen zu Hause, in Heimen oder in Krankenhäusern bald wieder Besuchsmöglichkeiten durch Angehörige und uns Hospizbegleiter geben wird.

Burkhard Häfner

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Der Mut zur Verantwortung- jede Entscheidung hat ihre Konsequenz

Mittlerweile haben wir die Woche 11 seit dem Beginn der zahlreichen Maßnahmen, die im Rahmen der Pandemie getroffen und konsekutiv umgesetzt wurden. Mein Arbeitsfeld, in dem ich hauptberuflich tätig bin, hatte primär keine Schaltfunktion im Ablauf konkret gesetzter Maßnahmen im Rahmen einer staatlichen Pandemiebekämpfung. Doch das wurde quasi über Nacht geändert.

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Eine Pandemie setzt völlig neue Spielregeln, vieles ist plötzlich ungültig, per Gesetz werden neue Rahmenbedingungen geschaffen und man hat praktisch keine andere Wahl, als sich neu zu orientieren und den Anordnungen Folge zu leisten. Gehorsam wird verlangt, und wenn man in einer Leitungsposition ist, dann ist man es selbst, der die Anordnungen erteilt und erwartet, dass diese ausgeführt werden.

Doch Gehorsam ist nicht das einzige, das einem abverlangt wird. Dazu gehört selbstverständlich eine 24-Stunden-Bereitschaft, um erreichbar zu sein und bei Bedarf auch sofort aktiv zu Verfügung zu stehen. Dazu gehört weiters, niemals sein Handy abzuschalten, wirklich niemals und auch niemals zu vergessen, seine Dienstpost im Outlook regelmäßig zu checken, am besten man dreht seinen PC erst gar nicht ab – das Hochfahren dieses Gerätes kostet doch nur unnötig Zeit. Dazu gehört schließlich, seine Familie an zweiter oder dritter Position zu reihen, denn der Dienst an der österreichischen Bevölkerung hat Vorrang, Vorrang vor allen persönlichen Belangen.

Die Welt, in der man sich bewegt, wird plötzlich sehr klein und eng, aber nicht, weil man sich in Quarantäne oder im Homeoffice befindet, sondern weil man sich in einem kleinen Kreis von Ausgewählten wiederfindet, der vieles weiß, viele Fäden zieht, vieles in die verschiedensten Bahnen lenkt, jedoch weitgehend unbekannt und namenlos ist. Man wird zu einer unbekannten Masse verschmolzen, bestehend aus sich ständig mühenden, keineswegs besonders herausragenden, beruflich inhomogenen, einzelnen Mitarbeiter*innen, die es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht haben, alles, was sie bieten können, einzusetzen, um ihrer übertragenen Aufgabe gerecht zu werden. Die Beziehungen zueinander werden enger, manches Bild, welches man von dem/der Kolleg*in hat, ändert sich blitzartig, manche Eigenart, die einen Kollegen besonders ausgezeichnet hat, muss plötzlich in einem anderen Licht gesehen werden. Einen Weg hinaus aus dieser Belastung gibt es nicht, zumindest keinen moralisch sauberen Weg, denn unter keinen Umständen lässt man seine Kolleg*innen im Stich. Und die, die sich durch Krankenstände ihrer Arbeit entziehen, verlieren unwillkürlich den Respekt und die Achtung der anderen. Man kann jetzt nicht krank werden, man kann sich keine Schwäche leisten, nicht, weil man unersetzbar und kostbar ist, sondern weil man sonst den anderen Kolleg*innen noch mehr Arbeit anlastet, als ohnehin schon da ist.

Man wird zur Verantwortungsträger*in, man trägt, was andere anordnen, man trägt aber auch seine eigenen Entscheidungen, und man entscheidet ständig und die Entscheidungen sind weitreichend, denn es geht immer um das persönliche Schicksal einzelner Menschen. Das ist in meinem Beruf zwar immer so und daher selbstverständlich, in einer Pandemiesituation allerdings fällt diese Belastung nun auch auf Berufsgruppen, die dieser Verantwortung so nicht ausgeliefert sind. Die Folge: Man trägt daher auch die Verantwortung für jene mit. Man trägt und trägt. Langsam gerät man dann an die Grenzen der eignen Belastbarkeit. Man stellt die Sinnfrage.

Und Freunde? Wie steht es in diesen Zeiten um Freundschaften außerhalb dieses „inner circle“? Wie steht es damit, sich aussprechen zu können, erzählen zu können, was einen bewegt, womit man zu kämpfen hat, was man gerne anders hätte, wo man versagt hat? Eine schwierige Frage.

Echte Freunde müssten in solchen Zeiten sehr viel aushalten, sie müssten die Fähigkeit besitzen zuzuhören, ohne nachzufragen, denn du darfst ja aus Verschwiegenheitsgründen nichts sagen. Sie müssten für dich zeitlich verfügbar sein, während du keine Zeit hast für sie und ihre Bedürfnisse. Sie müssten die Seelenstärke haben, dich in Phasen großer Traurigkeit, heftiger Wutausbrüche und in verzweifelter Stimmungslage dennoch zu mögen und dich auszuhalten und darauf zu hoffen, dass auch diese Zeit einmal zu Ende geht und du dann für sie da sein wirst. Solche Freundschaften sind extrem selten und nur dann real, wenn sie gegenseitig gelebt werden. In solchen Zeiten – und das ist vielleicht das Schmerzhafteste, das ich in Erfahrung gebracht habe – bekommst du ein Gespür, wem DU so ein echter Freund bist und wer dir diese Verbundenheit entgegenbringt. Und es wird dir bewusst, welche prägende Konsequenzen deine Entscheidung für solch eine Freundschaft hat.

Die Situation entspannt sich langsam in einigen Ländern, in anderen Teilen der Welt stehen die Menschen erst am Anfang der menschlichen, sozialen Katastrophe, die eine Pandemie verursacht.

Ich bin müde geworden, aber nicht kraftlos, ich bin routinierter geworden, aber nicht abgeklärter, ich trage weiter Verantwortung und hoffe, nicht allzu viele Fehler zu machen. Und ich freue mich über jeden Menschen, der den Mut aufbringt, sich gerade in solchen Zeiten zu einer echten Freundschaft zu bekennen und diese auch zu leben.

Ulrike Hallwirth

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Die Liebe mehr in die Werke als in die Worte legen – Ein Dank

In Gesprächen und in der Begleitung von Personen, die als Ärztinnen oder Krankenschwestern oder als Seelsorger*innen in den letzten Wochen im Krankenhaus zu tun hatten, bekam ich immer wieder den Eindruck: Hier wird „Liebe mehr in die Werke gelegt als in die Worte“, so wie es der hl. Ignatius empfiehlt. Oft mit einer solchen Ruhe und Selbstverständlichkeit, dass es beschämend wird.

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Ja, beschämend für jene, die große Worte über die Liebe zum Nächsten predigen und jetzt über die Schutzmaßnahmen wie kleine Kinder jammern, weil es eben etwas unangenehm ist, hinter der Maske zu atmen oder auf den Abstand und andere Kleinigkeiten  zu achten. Während Ihr oft stundenlang im Schutzanzug ward, dehydriert, verschwitzt, oder zumindest – und das auch jetzt noch – den ganzen Tag mit der Maske. Neulich war ich wieder einige Stunden im AKH. Alle können damit leben, mit einer solchen Ruhe und zugleich Freundlichkeit, manchmal einen ganzen Tag. Weder von Frau Professorin, noch von den anderen Ärzten, noch von den Krankenschwestern habe ich einen Widerstand gegen Maßnahmen erlebt, die andere schützen. Deshalb enttäuscht mich dieses Jammern auf hohem Niveau von Bürgerlichen, Gesunden und manchen Geistlichen. Nein, es schmerzt! Danke, Ihr alle in den Krankenhäusern, für Eure konkrete Liebe!

Josef Maureder SJ

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"Mensch sein heißt , verantwortlich sein." (Antoine de Saint-Exupery)

Guten Tag! Mein Name ist Andrea Schöpf, ich bin 48 Jahre alt und seit 20 Jahren beruflich im Bereich der Altenarbeit tätig. Als Fachsozialbetreuerin/Altenarbeit (mit Psychiatrischer Pflege und Palliative Care Weiterbildung) befinde ich mich berufsbegleitend in Ausbildung zur Diplomsozialbetreuerin/Altenarbeit (Abschluss
Februar 2021).

Ich möchte gerne ein paar Gedanken aus meiner persönlichen Perspektive und aus der Perspektive meiner Berufsgruppe loswerden.

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Immer wieder hört man von Seiten der Politik, dass es zu wenig "Pflegekräfte" gibt in Österreich, dass man "den Pflegeberuf" attraktiver machen muss, dass man gezwungen ist auf Mitarbeiter aus z.B. Slowenien zurückzugreifen, da es nicht genügend Pflegepersonal in Österreich gibt.

Ich bin der Ansicht, dass das nicht stimmt. Es gibt genug Pflegekräfte, es sind die Arbeits- und Strukturbedingungen unter denen die Betreuung alter Menschen oder von Menschen mit Demenz zu leisten ist, die viele nicht mehr ertragen.

Es ist der Personalschlüssel in langzeitgeriatrischen Betreuungseinrichtungen
(=Pflegeheim), der sich nicht an den Bedürfnissen der zu Betreuenden orientiert, so wie dies im Bereich der Behindertenarbeit gegeben ist, sondern an Interessen der Heimbetreiber, die meist gewinnorientiert arbeiten und mit einem Mindestmaß an Personalkosten ein Maximum an Qualität bieten wollen. Das dies eine Scheinqualität ist, muss jedem klar sein.

Warum ist es für Einrichtungen so attraktiv, vielerorts mit fast ausschließlich slowenischen oder nicht-österreichischen Mitarbeitern im Bereich der Langzeitgeriatrie (Pflegeheim) zu arbeiten?

Es ist ein "gutes Geschäft" für beide Seiten. Die Firma spart Geld mit meist jüngeren Mitarbeitern auf niedriger Gehaltsstufe und diese Mitarbeiter akzeptieren wortlos die Arbeitsbedingungen, da sie in ihrem Heimatland noch schlechtere Arbeitsbedingungen hätten und weil sie als Dienstnehmer in Österreich für jedes Kind, das sie haben, die österreichische Familienbeihilfe beziehen und mit dem Geld unter ganz anderen Lebenserhaltungskosten in z.B. Slowenien leben, wenn sie zur Arbeit pendeln (wobei sie meist Fahrgemeinschaften bilden) und die Pendlerpauschale beziehen. Deshalb ist "die Pflege" in den Pflegeheimen zum Großteil in "slowenischer Hand".

Ich möchte erwähnen, dass ich niemals die FPÖ wählen würde und dass ich grundsätzlich jedem Menschen auf Augenhöhe begegne, von Mensch zu Mensch und es für mich keine Rolle spielt, welche Herkunft, Religionszugehörigkeit oder sexuelle Orientierung mein Gegenüber hat.

Ich möchte auch betonen, dass die Ausbildung der Pflegeassistenz in Slowenien eine sehr gute, fundierte ist, jedoch sehr körperbezogen und medizinlastig und wenig ganzheitlich orientiert.

Weiters spielt gerade in einer qualitativ hochwertigen Betreuung von Menschen mit Demenz die Kommunikation (Deutsch Sprachkompetenz) und Kenntnis über adäquate Techniken und Methoden eine große Rolle. Slowenische Pflegekräfte haben meist keine Kenntnis über Validation, Biografiearbeit, Ressourcenorientierung, einem personzentrierten Zugang der von Empathie, Wertschätzung und Respekt getragen ist. Ausnahmen bestätigen die Regel! Und ja, es gibt auch genug Pflegekräfte aus Österreich, die diese Qualitäten auch nicht besitzen!

Warum ist das so?

Was mich so stört am politischen Diskurs und im Kontext "Pflegenotstand" oder "Die Pflege" ist, dass man damit die Berufsgruppen der Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflege (DGKP), Pflegefachassistenz (PFA) und Pflegeassistenz (PA) meint, und die Diskursteilnehmer eigentlich immer DGKP sind mit meist einem BSc oder MSc Abschluss, manche gar nie an der echten Basis gearbeitet haben, direkt durch ein Studium an der FH oder KFU in gehobenere Positionen gekommen sind und sich nun befähigt fühlen, z.B. mich in meiner Funktion als Fachsozialbetreuung (FSB) bzw. angehender Diplomsozialbetreuung (DSB) zu vertreten.

Warum gibt es Fachausbildungen wie die des FSB oder DSB, wenn wir letztendlich immer wieder auf einen Teilaspekt, nämlich den der PA-Ausbildung reduziert
werden? 

Wir haben Fach- bzw. Diplomkompetenz, diese wird jedoch nicht gleichwertig behandelt, da für diesen eigenverantwortlichen Tätigkeitsbereich ein anderes Gesetz zuständig ist.

Wir haben einerseits das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG), das die Berufe DGKP, PFA, PA regelt und das Steiermärkische
Sozialbetreuungsberufegesetz (StSBBG), das u.a. für die Berufe FSB und DSB zuständig ist.

Diese Tatsache erschwert in einer bestmöglichen Betreuung alter Menschen oder Menschen mit Demenz so einiges.

Es ist weiters auch nicht nachvollziehbar, warum das Thema so bundeslandspezifisch gehandelt wird. Dafür gibt es keinen nachvollziehbaren Gründe! Die Menschen in Oberösterreich haben in diesem Kontext dieselben Bedürfnisse. Warum ist es jedoch so, dass in Oberösterreich PA fast ausschließlich im Krankenhaus Setting Verwendung finden, während man in den langzeitgeriatrischen Betreuungseinrichtungen (Pflegeheime) fast ausschließlich mit dafür qualifizierten, ganzheitlich und psychosozial umfassend ausgebildeten FSB arbeitet?

Warum ist dies nicht österreichweit so üblich, wenn doch die Zielgruppe nicht bundeslandspezifische Bedürfnisse hat?

Nun, der PA fällt in die Verwendungsgruppe (VWG) 5, ist also kostengünstiger als der FSB mit der VWG 6 und es reduziert sich wiedermal auf "warm, satt, sauber", denn viele Betreiber glauben auch, dass dann der kostengünstigere Seniorenanimateur (eine 2-3 Monate dauernde Ausbildung) schon reicht für die Beschäftigung, oder dass eine kostengünstige Heimhilfe (HH) dasselbe bieten kann im Hinblick auf Sozialbetreuung, Aktivierung, Begleitung, Unterstützung, Beratung, Anleitung…..wie eine FSB oder DSB. Auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel!

Natürlich geht es ums Geld. Die Frage ist jedoch, was ist es uns als Gesellschaft wert, wo wir doch ALLE einmal alt werden bzw. niemand davor gefeit ist eines Tages eine Demenz zu entwickeln.

Für viele Menschen ist es ja so, dass sie sagen "Ich möchte nie in ein Pflegeheim". Warum? Weil sie mit bekommen, hören, sehen, wie dort mit Menschen umgegangen wird, aus Zeitnot, aufgrund von nicht an den Bedürfnissen der Bewohner orientierten Rahmenbedingungen und eines nicht adäquaten Personalschlüssels in diesem Bereich.

Ich habe die Vision eines Paradigmenwechsels im Bereich der Altenarbeit.

Ich habe die Vision von einem Pflegeheim, dass erstens als Betreuungseinrichtung für Senioren bezeichnet wird und das einen Personalschlüssel hat, wie wir ihn aus dem Behindertenbereich kennen.

Denn wo ist der Unterschied zwischen "behindert" und "alter Mensch mit körperlichen/psychischen/geistigen Beeinträchtigungen" bzw. sogar der psychiatrischen Diagnose Demenz?

Wenn Demenz eine psychiatrische Diagnose ist, warum gilt dann in der Betreuung nicht der Personalschlüssel wie er in der psychiatrischen Langzeitbetreuung durch die LEVO geregelt ist?

Warum gibt es so viele nicht nachvollziehbare Modalitäten in der Betreuung alter Menschen?

Genau, weil alte Menschen, Menschen mit Demenz keine Lobby haben, so wie es Menschen mit Behinderung Gott sei Dank schon länger haben.

Ich habe die Vision einer Gesellschaft, die Inklusion lebt, die alte, behinderte, demente, kranke, andersartige NICHT ins Abseits stellt, um nicht damit konfrontiert zu sein möglicherweise oder unter dem Deckmantel sie schützen zu wollen, sondern die im Jahr 2020 und folgenden Vielfalt wirklich lebt und umsetzt, als Ausdruck einer humanistischen Gesellschaft, im Sinne eines humanistischen Menschenbildes, das Empowerment lebt und aus vollwertigen Bürgern besteht.

Es liegt nicht am Geld. Es geht um Prioritäten. Wir brauchen Politik, die nicht egomotiviert ist und nur an eigene Baufirmen oder Prestigeprojekte denkt und defakto über Menschen und Natur drüber fährt, mit rhetorisch gewandtem und charismatischen Auftreten, das bei der Masse ankommt.

Diese Krise, ausgelöst durch ein Virus, auf Globaler Ebene, birgt das Potential einer Veränderung in vielen Bereichen. Es wird gezwungenermaßen dazu führen, da wir nicht nach ein paar Monaten zu gewohnten Verhaltensweisen übergehen können und da der Shutdown eine jahrelange Wirtschaftskrise nach sich ziehen wird (meine persönliche Sicht). Ich sehe aber gerade darin die Chance zu Veränderung im Sinne einer Verbesserung.

Es ist möglich, dass wir uns wieder auf Grundwerte besinnen, dass wir wieder in ein maßvolles Wirtschaftssystem finden im Einklang mit der Natur.

Dass wir wieder unsere solidarische und empathische Grundnatur als Menschen finden. Der Mensch ist von Natur aus so angelegt, mit anderen in Harmonie zu leben (siehe Joachim Bauer). Es muss der Politik wieder um das große Ganze gehen und nicht um egomotivierte, konkurrierende Machtdemonstrationen.

Das ist unsere Chance und z.B. Graz will sich ja "demenzfreundlich", "kinderfreundlich" nennen. Wie wäre es, wenn wir einfach" menschlich" sind, im Sinne eines Miteinanders, das niemanden ausschließt. Das wäre doch mal was Neues! Und höchste Zeit! Beginnen wir jetzt!

Corona - diese Krise - hält uns als Gesellschaft einfach den Spiegel vor.
Corona - diese Krise - macht Missstände sichtbar und zwingt uns dazu endlich hinzusehen, da wo wir so lange weggesehen haben.

Ich wünsche mir einen Diskurs auf sozialpolitischer Ebene, mit Menschen, die Erfahrung haben, an der Basis, Erfahrung mit den Menschen, die es betrifft.

Ich möchte mich einsetzen für die Menschen, die das nicht mehr können oder denen die Kraft oder der Mut dafür fehlt. Ich möchte gerne Fürsprecher, Sprachrohr sein für eine Menschengruppe, mit denen ich seit 20 Jahren zusammen arbeite. Ich möchte nachhaltig etwas bewegen auf gesellschaftlicher Ebene und stelle Forderungen an die Politik - die erste Forderung ist: holt die Berufsgruppen aus der Sozialbetreuung dazu, wenn es um Konzepte, Gesetze etc. geht. Das wäre zumindest ein Anfang!

Denn, "Mensch sein heißt, verantwortlich sein." (A.d.S.Exupery)

Andrea Schöpf

a4342

Mein Erfahrungen und Gedanken

Ich lebe seit einigen Wochen bei meinem Freund im Elsass/Frankreich.

Dieses Gebiet liegt in der sogenannten „roten“ Zone, also in der Gefahrenzone des Corona- Virus. Hier gab es im Februar eine mehrtätige religiöse Versammlung der evangelischen Freikirche mit fast 3000 Teilnehmern. Die Gläubigen kamen aus Deutschland, Belgien, der Schweiz und ganz Frankreich. Nach dem Ende dieser Zusammenkunft ist die Zahl der Virus Erkrankten in die Höhe geschnellt.

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Obwohl man jetzt, im Nachhinein, vermutet, dass dieser Virus schon länger sein Unwesen treibt, wurde erst Ende Februar/Anfang März dessen Gefährlichkeit erkannt. Es gab zum Beispiel im Süden von Österreich, in Kärnten bereits im Dezember Personen. die alle Symptome dieser Krankheit aufwiesen. Die zu Hause wegen Grippe behandelt wurden, die tagelang mir fast 40 Grad Fieber, starken Husten, Schwindelanfällen im Bett lagen. Niemand dachte damals an diesen neuartigen Virus der Wochen später buchstäblich explodierte und das tägliche Leben lahm legt.

Zurück zum Elsass, zu Frankreich. Die Zahl der Todesopfer – und es ist die Zahl der erfassten Fälle von Krankenhäuser und Heimen -  beträgt fast 28000. Wobei die Todesfälle nicht erfasst wurden die in ihrem eigenen Heim verstorben sind. Nun, Frankreich gehört neben Italien und Spanien zu dem am stärksten betroffenen Land in ganz Europa.

Mitte März wurde eine Ausgangssperre verhängt, ein paar Tage darauf wurde diese auch auf die Nachtstunden ausgedehnt. Das heißt, zwischen 21 Uhr und 6 Uhr früh durfte niemand auf der Straße sein. Die Stadt Mulhouse in der ich mich noch immer befinde, glich einer Geisterstadt in der Polizisten ihre Patrouille gingen.

Was mich besonders berührte und an die Erzählungen meines Schwiegervaters, der in Kriegszeiten im Lazarett arbeitete, war das Lazarettspital das am Parkplatz vor dem größten Krankenhaus in Mulhouse aufgestellt wurde. 300 Zelte, ausgestaltet mit allem medizinischen Komfort weil das Krankenhaus total überfüllt war. Man hatte zu wenige Beatmusgeräte zur Verfügung sodass schwerstkranke Patienten nach Strasbourg ausgeflogen wurden. Jedes Mal wenn man das Geräusch eines Hubschraubers hörte, wussten alle, dass jemand mit dem Tod kämpft.

Ebenso ergreifend waren die Fotos von Krankenschwester, Ärzten, Pflegepersonal  die ihr Gesicht zeigten nachdem sie die Masken abgelegt hatten. Ihr Gesicht war aufgeschwollen, gerötet und die Räder der Maske hatten einen hässlichen Abdruck hinterlassen. Nun ist das Schlimmste vorbei, die Geschäfte dürfen wieder öffnen, Schulen bleiben noch geschlossen, sowie auch Restaurants, Cafés, Hotels. Das Tragen der Maske wurde zur Normalität. Doch es gab auch schöne Momente: Nachdem das Feldkrankenhaus abgebaut war, sang und spielte die Polizei für das Personal des Krankenhauses. Es war ein kleines „Dankeschön“ welches mit Rührung aufgenommen wurde.

Was wir nach der Krise anders machen sollen? Ich denke, wir sollten das MITEINANDER mehr pflegen, wir sollten Dankbar dafür sein was andere Menschen in einer Krisensituation für uns leisten.

Elfriede Mach

a4337

Es ist Anfang April. Ich gehe...

mit meiner Freundin Johanna spazieren. Zum ersten Mal bin ich wieder im Freien, nach einem langwierigen Infekt, der zu einem mir vom Körper verordneten Rückzug geführt hat, parallel zum kollektiven Rückzug. Sie arbeitet an der Klinik, fühlt sich gesund, hat aber große Bedenken, dass sie mich anstecken könnte: in 5 Monaten gehöre ich altersbedingt zur Risikogruppe, ich bin in der Rekonvaleszenz eines viralen Infektes; wie bei Covid19 waren meine Bronchien in Mitleidenschaft gezogen. Risiko also auch von daher.

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Die Freundin ist eine, die körperliche Nähe mag. Normalerweise umarmen wir uns, berühren uns im Reden und im Gehen. Jetzt rückt sie von mir weg, hält Distanz. Logisch! Sie macht das aus Rücksicht.

Wir sprechen das aus. Und stellen dabei fest, wie dissonant sich das anfühlt: Aus Rücksicht Distanz halten? Geht das denn?

Für uns beide wird das gehen. Im Aussprechen, in der Reflexion, auf der Basis unserer langen Freundschaft.

Aber geht es auch für uns als Menschengemeinschaft? Immer noch ist vieles so brüchig unter Menschen, so voller Missverständnisse. Finden wir eine Sprache, die andere Zeichen ersetzen kann? Kommunikationsexperten sagen uns, dass wir viel mehr nonverbale Signale aufnehmen als verbale. 

Und doch gibt es da auch eine Hoffnung: Dass wir diese Sprache, die wir unbedingt brauchen, mit einer neuen Entschiedenheit suchen, eine Sprache, die keine Masken trägt und Distanzen überbrückt.

Elisabeth Medicus

a4336

Ich arbeite als Seelsorgerin und Psychotherapeutin...

Mein wohl berührendster Moment der letzten Monate war wohl jener, als ich die letzte Person war, die einen sterbenden Herrn im Spital mit seiner Familie in Kontakt bringen konnte. Es war am Anfang der Coronazeit, als Besuche von Angehörigen überhaupt nicht möglich waren. Es war der Wunsch der Familie, ihn noch einmal zu sehen oder zu hören.

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Ich speicherte die Nummer, packte das Smartphone in eine Plastikhülle und ging verkleidet zu dem Herrn, den ich mittlerweile schon gut kannte. Ich war die Einzige, die ihn noch besuchen konnte. Das Personal stand ihm aber auf liebevollste Art und Weise zur Seite. An diesem Tag war er munter und scherzte noch ein wenig über meine Verkleidung. Als ich dann die Nummer seiner Frau wählte, war das, als würde er sie zum ersten Mal anrufen – und eigentlich war es ja das letzte Mal. Ich war ebenso aufgeregt wie er. Dann erschien sie per Video auf dem Bildschirm, sie sah ihn und er sah sie, es war so bewegend. Nach eine kleinen Stille packte er sein Lebensresümee, seine größte Erkenntnis in neun Worten unter: „Unsere Liebe ist das Wichtigste in meinem Leben gewesen.“ Stille am anderen Ende der Leitung. Sie antwortete mit einem erstickten und tief vom Herzen kommenden „Ich liebe dich!“ Dann gab es Blicke, die jegliche Weite und Entfernung übersprangen, sie waren sich so nah. Dieser Moment hatte einen Hauch von Ewigkeit, er war Ewigkeit.
Wenige Stunden später verstarb der Herr, friedlich, mit dieser großen Liebe im Herzen.

Katharina Schoene

a4335

Corona! – Was nun?

Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich mich vorstellen:

Ich bin eine 84jährige Frau, gehbehindert und daher mit einem Rollator unterwegs, gesundheitlich altersbedingt nicht mehr in allerbestem Zustand, jedoch fähig, den Alltag selbständig zu bewältigen, d. h. mir selbst zu kochen, einzukaufen, die gewöhnlichen Haushaltstätigkeiten – langsam zwar – aber immerhin selbständig zu erledigen. Ich nehme 1 x in der Woche für die beschwerlicheren Arbeiten, wie Staubsaugen, eine Hilfe in Anspruch.

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Zur Not und für meine eigenen Bedürfnisse ausreichend, kenne ich mich mit Laptop, Internet, Smartphone und Whatsapp aus. Ich betreue in meiner Pfarre eine Meditationsrunde und eine Frauengruppe, gehöre also noch nicht zu den pflegebedürftigen Senior/inn/en.

Und nun zu einigen Erfahrungen in den vergangenen 7 Wochen der Coronakrise.

Als Anfang März die Meldungen und Bilder aus China über das  Auftreten und die Auswirkungen  eines unbekannten, aggressiven  Virus in mein Wohnzimmer flatterten, bedauerte ich zwar die betroffenen Menschen, fühlte mich aber durch die große Entfernung nicht direkt bedroht. Doch das änderte sich schlagartig. Bereits eine Woche später war Corona in Europa angekommen und damit auch in Österreich. Die Einschränkungen begannen. Ich musste, wie alle anderen, meine beiden Gruppentreffen absagen und wurde selbst als über 65jährige in Isolation geschickt. Als brave Staatsbürgerin folgte ich sofort, aber ziemlich ungern, der Aufforderung. Da ich Medikamente benötigte und sie über die Hausärztin i

n der Apotheke erhalten konnte, nahm ich die inzwischen eingerichtete Pfarrhof-Hotline für Senioren in Anspruch. Mir wurden die Medikamente besorgt, allerdings in falscher Dosierung geliefert. So beschloss ich, am nächsten Tag die Sache selbst in Ordnung zu bringen. Da ich noch ein Geburtstagspäckchen aufzugeben hatte und sich das Postshop neben der Apotheke befindet, wollte ich beide Dinge gleichzeitig erledigen.

Als ich das Postshop betrat, wurde ich sofort mit einer ausgiebigen Schelte bedacht, dass ich – wo doch gerade wegen der Senioren alle Einschränkungen angeordnet waren – das Ausgehverbot missachte!

Ziemich eingeschüchtert ging ich zur Apotheke und reihte mich in die kleine Warteschlange ein. Zwei Männer, jeder mit einer Bierflasche in der Hand und schon leicht alkoholisiert, schlenderten sehr knapp an uns vorbei und verhöhnten uns, die wir „so deppert“ seien, zu glauben, was in Radio und Fernsehen über Corona gemeldet werde. Sie beide seien „ned so bled“!  Wir trugen es mit Fassung und mir wurde in der Apotheke gedankt, dass ich selbst zur Aufklärung ausgegangen war. Das Medikament musste allerdings in dieser Dosierung erst bestellt werden. Ein weiteter Besuch wurde also notwendig...

Am Heimweg begegnete mir eine Schar gut gelaunter Jugendlicher, die mich und meinen Rollator provokant streifend, überholte...
Ich begab mich also etwas bedrückt in Isolation. Einige gute Bekannte aus der weiteren Nachbarschaft boten sich fürs Einkaufen an, was ich sehr dankbar annahm. Mein unmittelbarer Nachbar, der mindestens zweimal am Tag die Wohnung verließ, fragte kein einziges Mal, ob ich irgend etwas benötige, geschweige denn, wie es mir gehe. Er interessierte sich allerdings eines Tages telefonisch, ob ich wüsste, wer auf unserem Laubengang so auffällig gehustet habe...
Und dann trudelten sie alle ein: die Freunde, alte Bekannte, mit denen ich schon lange keine Verbindung hatte, Leute aus lockeren Beziehungen, aus dem Ausland, aus den betreuten Gruppen – per Telefon, E-Mail, SMS, Whatsapp... Lange Gespräche, oberflächliche oder mit gewichtigem Inhalt. Die Zeit wurde gedehnt wie ein Gummiband, denn wenn schon Isolation, dann wenigstens Kommunikation! Und das Thema Corona hatte immer auch seinen Platz. Irgendwann hatte man alles erzählt. Die vorerst so intensiven Gespräche ebbten allmählich ab, andere Betätigungsfelder taten sich auf...  

Ich widmete mich (wie ich auch von anderen erfuhr) einer schon lange fälligen Inventur: Der Inhalt jedes Kastens, jedes Kästchens, jeder Lade, wurde überprüft; nicht mehr Brauchbares, Ungewolltes, Überflüssiges ausgesondert, alles entstaubt, gewaschen, um- oder wieder eingeräumt. Das befriedigende Gefühl stellte sich ein, Dinge, die schon lange unerledigt dahin dämmerten, Corona sei Dank, erledigt zu haben.  Schau, die Krise ist doch zu etwas gut, ging es mir durch den Kopf!

Aber man kann nicht 7 Wochen lang das Unterste zu oberst kehren! Die Sonne lachte draußen vom Himmel. Spaziergänge in der nächsten Umgebung wurden uns Risikogruppen-Angehörigen anscheinend nach diesbezüglichen Anfragen erlaubt. Also! Ich erkundete umrundend meine Wohngegend. Neue Gebäudekomplexe waren in den letzten Jahren entstanden. Nie hatte ich mir die Zeit genommen, meine Schritte dorthin zu lenken. Jetzt habe ich diesen Teil meiner unmittelbaren Umgebung kennen gelernt. Der Kleingartenverein mitten drinnen offerierte mir ein Stück gepflegter Natur: Blühende Obstbäume, grünende Sträucher und Rasen, bunte Blumenbeete – Frühlingsduft! Kein Autolärm von der nahen Schnellstraße hörbar, eine fast auspuffgas- und staubfreie Luft zum Atmen! Wunderbar!

Und doch! Trotz aller positiver Arrangements stand ich immer unter einer eigenartigen Spannung. Etwas drohend Ungewisses überlagerte alles. Die medialen Botschaften, angereichert mit Statistiken über das Verhältnis von Gesunden zu Erkrankten und Verstorbenen machte deutlich, wie schnell man von einer Gruppe in die andere geraten kann und dass die angeordneten Maßnahmen nicht mehr sind als Versuche, die heimtückische Gefahr in den Griff zu bekommen.

Je länger dieser Ausnahmezustand dauerte, umso öfter beschäftigte mich der Gedanke, warum die gesammte Gruppe der ab 65jährigen pauschal in den Hausarrest geschickt wurde. Senior/inn/en unterschiedlichen Alters, die, wie ich, bis zu Beginn der Krise ein selbstbestimmtes Leben geführt hatten, sollten nun Einkaufshilfen in Anspruch nehmen und das Haus nur mehr zum Füßevertreten und Luftschnappen verlassen (die beschwerlicheren Arbeiten im Haushalt ohne Hilfe – wegen Besuchsverbot -  oder 7 Wochen gar nicht verrichten?). Ich löste dieses Paradoxon eigeninitiativ, indem ich, trotz der negativen Erfahrung im Postshop, das Einkaufen, natürlich maskiert und Abstand haltend, in die Spaziergänge integrierte. Immer öfter begegnete ich anderen Rollatorbenützer/innen, die es ebenso hielten... Hausverstand neben Problembewusstsein gegen Abgleiten in die Depression.

Und dann kam Ostern! Draußen blühendes Leben! Für Christen das höchste, wichtigste Fest ihres Glaubens, das immer im gemeinsamen Feiern seinen Ausdruck findet, 2020 in Isolation!

Und doch: Gerade in der Kargheit dieses Feierns gewann für mich das Wesentliche eine berührende Dichte und Tiefe, was sonst von so viel schmückendem Beiwerk verdeckt wird. Eine Erfahrung des „Weniger ist mehr“!

Kirchlicherseits hätte ich mir ein akzentuierteres Krisenmanagement gewünscht. Der spirituellen Angebote gab und gibt es viele und das ist gut so. Aber in Zeiten wie diesen wäre es wichtig gewesen, ein starkes und stärkendes Zeichen zu setzen, d. h. die Zusammengehörigkeit in der großen Gemeinschaft der Gläubigen durch die Verbundenheit über den gleichen Fernsehkanal, im gleichen Programm, zur gleichen Zeit zumindest in den Kartagen am Bildschirm erlebbar zu machen. Dazu hätte offiziell eingeladen werden sollen. Die Fotos auf den Bänken des Stephansdomes waren eine gute Idee und weisen in die aufgezeigte Richtung.

Und die Moral von der Geschichte? Corona ist noch nicht vorbei. Das Virus kann uns noch lange beschäftigen. Aber jede und jeder Einzelne kann eine Lehre aus den bisher gemachten Erfahrungen ziehen.

Für mich gilt: Achten wir gemeinsam darauf, dass aus dem gut gemeinten Social Distancing  nicht eine gut geübte HALTUNG wird. Dann bleibt nämlich das Kleine, Feine, Besondere, das gerade in dieser unheilvollen Zeit zu sinnhafter Veränderung Aufgebrochene auf der Strecke. Aus der Distanz ist es  nicht mehr sichtbar. Wir kennen alle das Sprichwort „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Es wäre schade um vertane Chancen...  

Eveline Weiss

a4334

Coronagedanken

Von der Coronakrise wurde ich erfasst nach der Rückkehr vom Kardinal König Haus nach Innsbruck, ich wurde sofort für 2 Wochen in Quarantäne gesteckt, konfrontiert mit erstaunlichen Reaktionen, fast Panik.

40 Tage – Quarantäne kommt ja aus dem Italienischen, 40 Tage mussten Schiffe warten, bis sie in den Hafen von Venedig einlaufen dürfen. Angst. Angst vor dem Unbekannten. Bedrohung der Sicherheit.

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Quarantäne funktioniert nicht ohne Feindbild. Der Virus, vor dem man sich schützen muss. Menschen, die den Virus vielleicht übertragen. „Ausländer“ – gerade in Österreich mit seiner Geschichte ein absurder Begriff -, andere Hautfarbe, andere Sitten und Gebräuche – verdächtig! Ausser zur Feldarbeit unter unmenschlichen Bedingungen, Pflege…

Immer wieder wurde ich überrascht von heftiger Ablehnung, Skepsis, manchmal hasserfüllten Blicken über den Masken, wenn man mich als Bedrohung wahrnahm, ob man mich als Priester gesehen hat oder nicht. Oder Hass und Trotz von Menschen, die bewußt ohne Maske im Krankenhaus oder bei Ämtern unterwegs sind. Beschimpfungen übelster Art, wenn man sie drauf aufmerksam macht.

Wo war bzw. ist die Kirche, wir?
Sicher, es wurden neue Wege gesucht, teilweise hart an der Grenze zum Kabarett, etwa die Kommunion in Schachterln, Drive in Gottesdienste, sozusagen McJesus…
Messen sind ja bald wieder möglich. Was hat den Menschen gefehlt am sonntäglichen Kirchgang? Der Tratsch? Der anschließende Gasthausbesuch? Die Kirchen, die während der Quarantäne offen waren und die ich besucht habe, waren meist leer…Kirche, täusch Dich bloß nicht! Viele wissen ja nicht mal mehr, was eine Messe ist, im Unterschied zum Wortgottesdienst z.B..für viele ist der Glaube lebens- und überlebenswichtig, aber sicher nicht für alle.

DASEIN wenn die Menschen uns brauchen, nicht nur digital, mit frommen Sprüchen im geschützten Raum.
DISTANZ – Beziehungskiller.
Nein. So wie es Papst Franziskus unlängst gesagt hat, wie hat Jesus getröstet?
NÄHE – WAHRHEIT - HOFFNUNG.

Herbert Karsten

a4320

Eine Schlüsselerfahrung war das Ausgeliefertsein...

an die politische Entscheidung von oben, die zu einem abrupten Abbruch meiner seelsorglichen Tätigkeit in einem Alten- und Pflegeheim führte, und damit der Wegfall meiner Entscheidungsfreiheit diesbezüglich. Eine weitere Schlüsselentscheidung für mich war, wie sehr ich vorsichtig sein musste mit meiner kritischen (differenzierten) Einstellung bzgl. Bewertung von Covid 19 und der einschränkenden Sicherheitsmaßnahmen.

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Eine weitere wichtige Erfahrung: Je mehr jemand als Seelsorger/in in die Struktur eines Alten- und Pflegeheimes eingebunden ist, desto mehr konnte er/sie auch in der akuten Krise weiterhin tätig sein, was für die Bewohner/innen und jetzt auch für die Angestellten wichtig war. Ehrenamtliche Seelsorger/innen wurde einfach ausgesperrt.

Das heißt, das Geld entscheidet, wer tätig sein darf. Und es heißt auch, dass Seelsorge noch nicht als Bestandteil einer ganzheitlichen Sorge um den alten Menschen gesehen und anerkannt ist.

Was hat mich am meisten berührt bzw. erschüttert?

Mich hat erschüttert, dass ich der oben genannten Verordnung ausgeliefert war und dass fast alle dieser uneingeschränkt und unhinterfragt Folge geleistet haben, einschließlich der Berichterstattung in den Medien. Andere Sichtweisen und Diskussionen darüber gab es in den öffentlichen Medien nicht. Darüber bin ich echt empört; und das macht mir Angst.

Wie Teile der Regierung fast täglich im Fernsehen aufgetreten sind und die neuesten Bestimmungen kundgetan haben, war teilweise schon furchteinflößend.
Am meisten empört bin ich jedoch über die politische Entscheidung - und das nach Abflachung der Pandemie - in den öffentlichen Einrichtungen einen Mundschutz ("Maulkorb") auf unbestimmte Zeit tragen zu müssen, der zudem gesundheitsschädlich sein kann und dessen Tragen für mich in keinster Weise über eine stichhaltige Begründung verfügt. (In der akuten Krise gab es mehr Freiräume und Freiheiten.)

Auch war ich darüber empört, wie angepasst die Kirche (katholisch) reagiert hat, wie unhinterfragt sie die Vorgaben der Regierung übernommen hat.
Erschüttert hat mich auch die Fokusierung auf die Alten (Menschen ab 60 hieß es einfach allgemein) und vor allem der Menschen in den Alten- und Pflegeheimen als Risikogruppen, was die Gefahr einer Ausgrenzung/Selbstausgrenzung und Diskriminierung/Selbstdiskriminierung nach sich zog/zieht.

Positiv berührt haben mich manche kreativen Wege, um Kontakte aufrecht zu erhalten, und die intensivierte Sorge von Pflegenden gegenüber
Heimbewohner/innen.

Was sollen wir nach der Coronakrise anders machen oder unbedingt bewahren? Was ist deshalb ein wichtiger Baustein für eine "Sorgende Gesellschaft"?

Bewahren sollten wir uns den Sinn für die großen zusammenhänge des Lebens, das ein großes Ganzes ist. Ebenso sollten einfacher leben, d.h. weniger Konsum, weniger Gier, weniger Ausbeutung, weniger Billigreisen, dafür mehr die Menschen um sich herum (be-)achten und diese Beziehungen pflegen, mehr auf sich und andere schauen,nmehr die Natur um sich (be-)achten, lokal produzieren und einkaufen -ohne den globalen Denkhorizont und die globale Solidarität zu vernachlässigen. Den Bedürfnissen des Herzens, die in vielen jetzt erwacht sind, Raum geben -das wäre mir ein Anliegen!

Beibehalten sollten wir die vielen kreativen Wege der Solidarität, des füreinander Sorgens.

Personal in den Alten-und Pflegeheimen, vor allem Pflegepersonal, braucht mehr Beachtung, bessere Ausbildung und Bezahlung und eine Aufstockung. Ebenso braucht es einen Entwicklungsprozess, um Seelsorge als wesentlichen Teil einer ganzheitlichen Pflege (gerade in Krisenzeiten) zu etablieren.

Es müsste nachgedacht werden über ein neues Wirtschafts-und Finanzsystem, das alle Bereiche des Lebens im Blick hat (Soziales, Umwelt, Arbeit ... ).

Und es braucht dazu dringend wieder die Weitung des Blickwinkels über die nationalen Grenzen hinaus.

Ebenso ist es notwendig, Abhängigkeit/Aufeinander angewiesen sein/Sorge füreinander als wesentlichen Bestandteil des Lebens (nicht nur im Alter!)
anzuerkennen!

Es bräuchte auch Vorkehrungen für wiederkehrende Krisen, um in diesen zu differenzierten Lösungen vor Ort zu kommen, was den Kontakt zwischen
Heimbewohner/innen und deren Angehörigen bzw. Personal (einschließlich Seelsorge) betrifft. Dies ist umso wichtiger in der Sterbe-und Trauerbegleitung und bei der Verabschiedung Verstorbener. Zusperren kann nicht der Weg. sein.

Insgesamt kann ich sagen: Der Mensch muss wieder mehr in den Mittelpunkt kommen!

Rudolf Wiesmann

a4319

Die Coronapandemie hat auch durchaus gute Seiten:

Scheinbar Unwichtiges, Belächeltes, Heruntergemachtes, aus dem Leben Verschmähtes, erfährt plötzlich Anerkennung.

Familienfeste und Verwandtschaft, oftmals verhasst oder als notwendiges Übel betrachtet, fehlen den Menschen jetzt.

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Dass nichts selbstverständlich ist, darauf weist der Ausnahmezustand hervorgerufen durch das Virus im Besonderen hin.

Ehe, Partnerschaft und Familie werden nach der Corona-Zeit sicherlich eine neue Form der Aufwertung erfahren.

Was können wir mitnehmen

Es gibt gewiss vieles das wir aus der Zeit der Ausnahmesituation hinaus in das Leben, in den Alltag mitnehmen dürfen. Dankbarkeit weil man selbst gesund geblieben oder wieder genesen ist. Ebenso vielleicht geliebte Menschen.  Die Kontakte weiterhin pflegen die vielleicht in der Corona Zeit wieder neu entstanden sind. Dass man vieles nicht aufschieben sollte. Auch dann wenn die Normalität wieder eingekehrt ist. Sich der Stille, der Ruhe und dem Rückzug widmen. Freude empfinden über Begegnungen welche nun wieder von Angesicht zu Angesicht und mit einer herzlichen Umarmung stattfinden dürfen. Den Augenblick genießen. Die Natur als Heilmittel wahrnehmen. Menschliche Nähe suchen und sich daran erfreuen. Tätigkeiten und Hobbys welche in der Krisenzeit gut waren auch weiterhin pflegen. Familienfeste, Feiern, auch Verwandtschaft als Freude empfinden. Es gibt unendliche Möglichkeiten. Wertvoll unter bestimmten Gesichtspunkten war sie allemal die Zeit der Quarantäne und Selbstfindung, nehmen wir das in positiver Weise mit hinaus in den Alltag in das Leben.

Monika-Maria Ehliah Windtner

a4318

Die Seele muss Heimat finden

Krankheit, Pandemie, Epidemie, Seuche, Ausgangsbeschränkungen, Kurzarbeit, Todesfälle und viele weitere Schlagwörter der vergangenen Wochen sind oder waren nicht gerade das, was die Menschen ins seelische Gleichgewicht gebracht hätte. Ausnahmezustand im Land, in den Köpfen, Herzen und Seelen. Es musste langsam gelernt werden mit der neuen Lebenssituation umzugehen.

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Eine Gegebenheit in der die Bevölkerung trotz aller Angebote zur Beschäftigungstherapie und Ablenkungsangeboten, dennoch auf sich selbst und das eigene Leben zurückgeworfen wird. In unzähligen Momenten mit herrlichem Erleben ist das eine Wohltat für die Seele. Bei allem was gut tut findet die menschliche Seele ein Stück Wohlmodus.  Ein kleines angekommen sein. Dennoch sind diese Augenblicke meist nur von kurzer Dauer und somit vorübergehend.

Demnach wird nach dem nächsten kleinen ankommen gesucht und auch gefunden. Doch auf lange Sicht ist das zu wenig. Viel zu wenig, denn die Seele muss Heimat finden. So wie man das Glück niemals im Außen finden kann, sondern in sich selbst, ist es auch mit der Seele. Diese Heimat kann sie nur in jedem Menschen selbst finden. Der menschliche Körper ist der Tempel der Seele. Doch ist es wichtig, ihr wirklich und wahrhaftig eine gute, vertrauensvolle, standhafte Heimat zu schenken. Gerade jetzt in dieser herausfordernden Zeit, wäre doch ein idealer Zeitpunkt sich darin zu üben und die eigene Seele im Innersten, in der Mitte des Seins herzlich willkommen zu heißen.

Postcoronale Menschwerdung

Positive Neuerungen, Erfindungen,  Entwicklungen welche der Menschheit dienlich sein sollten, sind in ihrer Verwendung missbraucht worden. Sie dienten nicht mehr ihrer wahren Bestimmung. Nämlich der das Leben zu erleichtern. Das Gegenteil war der Fall. Die Menschen haben sich zum Slaven gemacht. Anstelle Technik zu nutzen, wurde sie zweckentfremdet.  Unlauterer Wettbewerb, Machtmissbrauch, Ausbeutung auf allen Ebenen. Das gehörte zur normalen Geschäftsgebarung. Viele Bevölkerungsschichten, schwangen sich auf diesen zerstörerischen Lebens-Modus ein.  Selbstsucht, Egoismus, Narzissmus, Gier, Gleichgültigkeit.  Faktoren die sich alles in allem ungünstig auswirkten. Mächtige, globale Zerstörungsmechanismen kamen in Bewegung.
Achtsamkeit, Verantwortungsbewusstsein und Menschlichkeit hatten nicht Platz in der  (Geschäfts) - Welt. Schon gar nicht in Köpfen und Herzen vieler. Dann kam Tag x mit  SARS-CoV-2 und somit Stillstand.

Etwas das nicht zu sehen, zu riechen, zu fassen oder zu fühlen. Dieses Unfassbare - ein Virus. Ein zerstörerisches noch dazu. Nichts war so, wie es gestern noch war.

Gewiss ist, dass es eine Zeit nach Corona geben wird. Noch nicht gewiss ist, wie die Menschen sich danach verhalten werden. Ob sie dort weiter machen, wo sie aufgehört haben, oder ob es eine postcoronale Menschwerdung geben wird. Indem sich die Menschheit auf andere Wertigkeiten besinnen wird. Ich vertraue auf eine bessere Welt.

Monika-Maria Ehliah Windtner

a4317

Trauerbegleitung in Corona Zeiten / Trauerbegleitung ohne physischen Kontakt

Zuletzt, als wir noch zusammenkommen durften beim „Trauerfrühstück“ im Februar, äußerten mehrere Teilnehmende etwas sehr Erfreuliches: „Mein Leben ist jetzt anders gut.“

Anders jedenfalls: Ein lieber, im Alltag naher Mensch ist nicht mehr da – und zwar endgültig. Vieles fehlt und zugleich werden die Belastungen mehr: Einsamkeit, neue Rollen finden, alles allein entscheiden, so viele Erledigungen,… Aber doch, die Erfahrung ist: mit der Zeit wird es auch wieder!

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Stunden und Tage, wo der Schmerz überwältigend zurückkommt, gibt es, aber doch weniger stark, vielleicht seltener… So sagen die trauernden Menschen also: „Mein Leben ist jetzt anders gut.“

In Nicht-Corona-Zeiten haben sich die Menschen entschlossen, zu einer Veranstaltung zu gehen, in eine (anfangs fremde) Gruppe – das kostet gerade in der Trauer Kraft, Mut, manchmal Überwindung.

Umso schöner zu sehen, wie Menschen dabei mit der Zeit auch einander kennenlernen, Interesse aneinander finden, weil sie einander so nahe und füreinander heilsam sind, eben weil einer das Schicksal der anderen kennt und nachfühlen kann. Manche beginnen, neuen Interessen nachzugehen, manche finden sich auch zu gemeinsamen Unternehmungen zusammen (Sport, Bummeln, Essengehen,…): es zeigt sich schon „neues Leben“.
Und jetzt wieder alles anders: Corona! Für trauernde Menschen ein Rückschlag!

Auch für mich alles anders: Homeoffice, Trauerbegleitung per Telefon.
D. h. anders begleiten, denn „mit jemandem … mitgehen, eng verbunden … sein“ (vgl. Duden) ist ohne physischen Kontakt nicht so gut möglich.

Obwohl: Auch beim Telefonieren „hören“ wir, wenn das Gegenüber lächelt, oder nehmen wahr, wenn aufsteigende Tränen die Stimme schwanken lassen,…
Am Telefon braucht es mehr Aufmerksamkeit, denn die Signale, die wir „im Normalbetrieb“ als Körpersprache und Gestik, Blicke und Mimik, Tonfall,… leibhaftig wahrnehmen, sind jetzt nicht unmittelbar zugänglich.

Anders ist es, auch schwieriger – und doch gibt es einige sehr erfreuliche Erfahrungen:

  • Die Menschen freuen sich, dass wir an sie denken, ihnen „nachgehen“, per Telefon nachfragen, wie es geht.
  • Viele fragen nach den anderen aus der Gruppe und bitten, Grüße auszurichten. Und sie freuen sich, wenn es dann – hoffentlich bald – wieder losgeht!
  • Manche telefonieren und bestärken einander: „Unsere gemeinsamen Pläne sind nur aufgeschoben, nicht abgesagt!“ Eine erfreuliche Zukunftsperspektive!
  • Und diesen Gedanken äußerten einige: „Ich bin so froh, dass mein/e Angehörige/r schon verstorben ist, nicht jetzt in dieser Corona-Zeit mit Besuchsverbot, ohne Abschiednehmen der Familie, ohne die körperliche Nähe…“ Sie konnten ihre Lieben unter guten Bedingungen begleiten, das ist etwas sehr Tröstliches inmitten der Trauer.

Trauerbegleitung am Telefon – eben anders gut!

Christa Steiner

a4316

Wenn die Wellen über mir zusammenschlagen,
tauche ich hinab, nach Perlen zu fischen (Mascha Kaleko)

Heute Morgen kam mein Sechsjähriger weinend zu mir. Wieder hat er geträumt: Die ganze Welt ist überflutet. Wir sitzen in einem offenen Boot, aber die Wellen sind einfach so hoch. Das können wir doch gar nicht schaffen. Er vermisse seine Freunde so sehr…..

Später bemalt er einen Stein, dann noch einen und noch einen. Die bringen wir heute einem Aufruf der Eltern-Whatsappgruppe folgend zum Schultor. Er sagt: Ich bin der eine Stein.

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Die anderen sind für die Kinder, die nicht zur Schule können, weil sie so weit weg wohnen. So ist für jedes Kind ein Stein da, wenn viele mitmachen. Der Stein bleibt, bis wir endlich wieder in die Schule dürfen. An der Schule wirft er seine siebenjähige Schwester in die Lavendelbüsche. Er ist enttäuscht. Es liegen mal gerade sieben weitere Steine da. Ich beruhige ihn: Bestimmt bringen die anderen ihre Steine noch. Doch ich denke etwas
anderes: Welches Elternteil hat eigentlich die Zeit zum Steine bemalen? Noch ein Job dazu.

Auch wenn er nur 15 Minuten dauert: Stifte rauskramen, Stein finden, Kind machen lassen und dann alles wieder weg räumen und Tisch und Kind putzen. - Ich verstehe alle Eltern, die mit ihren Kindern keine Steine bemalen oder Regenbögen an die Fensterscheibe kleben, denn mir geht es ähnlich: Fröhlich lächelnde Kinder mit fröhlich lächelnden Eltern machen mich wütend. Alles ganz einfach bei den anderen. So wirkt es. Die Kinder lernen fleißig und voller Elan, kochen und backen gemeinsam mit Eltern und Geschwistern, legen Gemüsebeete an. Toll , Ihr Superpowereltern! Die Wahrheit ist, wir Eltern geben natürlich unser Bestes. Es geht ja um unsere Kinder. Doch es sind Kinder. Sie verstehen das alles nicht. Sie vermissen ihre Freunde, sie vermissen ihre Bezugspersonen, sie vermissen ihren Sport, sie vermissen die Spielplätze, die Schwimmbäder, sie vermissen das Lernen, die Geduld und Gelassenheit ihrer Eltern, sie vermissen Unbeschwertheit und Sorglosigkeit.

Und wir Eltern sind bemüht, so sehr. Aber die Kinder - sie funktionieren einfach nicht.

Drei Tage im Homeoffice arbeiten wie Mama oder Papa ist spannend. Drei Wochen Homeoffice, geht auch noch, damit Oma und Opa nicht sterben oder vielleicht auch Mama oder Papa, oder die Schwester. Sterben auch Kinder? Die Kinder haben Angst. Da ist man lieber lieb, bevor ein Lieblingsmensch stirbt. Aber nach den Osterferien noch immer nicht die geliebte Lehrerin, die beste Freundin, den besten Freund zu treffen macht traurig. Vielleicht öffnen Kindergärten und Schulen nie mehr?

Wo sind die Superpowereltern, die ihre Kinder problemlos zurück in die Grundschul-Videokonferenz und an das selbstständige Lernen zum Homeschooling gebracht haben? Vielleicht in der Schlucht der Verzweiflung, auf dem Berg des Zorns oder am Ozean der Perspektivlosigkeit? Selbst wenn ich ganz viel Zeit hätte, habe ich schon nach der ersten Runde „Lotti Karotti“ keine Lust mehr weiterzuspielen. Auch bin ich ungern Barbies Ken oder der grüne Ninja.

Und dann gibt es diesen einen Glücksmoment am Tag. Den teilen wir in den sozialen Medien: zum Mutmachen oder zum Beweisen: Ich schaff das. Wir bekommen es gut hin. Meine Superkraft: „Mom“ oder „Daddy“.

Wir sollten unsere dreckigen Wohnungen zeigen, die Streitereien zwischen Eltern und Kindern, den Geschwistern, den Ehepaaren, das Heulen und Verzweifeln, die Erschöpfung, die Hilflosigkeit, die unendliche Müdigkeit, die Unkonzentriertheit. Aber wir sind Eltern. Und wir machen zusätzlich unsere Jobs oder verlieren sie gerade. Ach ja, und essen müssen wir ja auch noch. Selbstverständlich füllt sich der Kühlschrank von alleine….

Im Fernsehen berichtet man von Autos, Flugzeugen und den Milliarden Rettungs-Euros. Wen interessieren Kinder in diesem Land und Familien?

Immerhin, nun dürfen die Spielplätze wieder öffnen. Wir gehen mal nachschauen im neu angelegten Stadtviertel der Bundesgartenschau 2019: Das Betreten der Spielplätze ist verboten. Die Polizei wacht. Auf den Sitzgelegenheiten, wo im letzten Sommer die Kinder ausgelassen und fröhlich getobt haben, sitzen nun alte Damen, 75 plus, schlecken Eis und trinken Latte Macciato von der Eisdiele um die Ecke. Da muss man jetzt nicht mehr das Eis vorbestellen. - Als ich mein Kind ein bisschen im Sand am Rand buddeln lasse, ernte ich strafende Blicke. Kinder verboten! - Aber dort am Fenster: Regenbögen: Meine Kinder hüpfen: Schau mal Mama, da gibt es auch Kinder...„hinter unsichtbaren Gittern“, denke ich.

Seit Montag ist wieder Schule, aber nur für meine Abiturientin. Nach dem ersten Geschrei, weil der Mundschutz weder positive Auswirkungen auf das Hautbild hat, noch annähernd irgendwie stylish ist, hat sich meine große Tochter selbst eine Verhüllung gebastelt, in der sie wenigstens noch atmen kann. Mundschutz und Sonnenbrille, dann erkenne man sie vielleicht nicht in der peinlichen Maskerade. „Burka“, schlage ich vor. Dass sich alle hinter den Masken verstecken müssen, ist nur ein schwacher Trost.

Rechtslauf, Einbahnwege, Mindestabstand, Hygienevorschriften, getrennte Pausenplätze, J2 im Westen auf die Klos, J1 im Osten auf die Klos. Wenn mich mal wieder ein Brief des Kultusministeriums mit all dem Dank und Lob für die Pädagogen - und ein bisschen auch für die Eltern - erreicht, muss ich aufs Klo: Akuter Brechreiz. Elternsuperpower bringt hier nur noch an der Stelle etwas, wo die Pubertät noch nicht zu weit vorangeschritten ist oder schon einigermaßen überwunden. Oder haben Sie sich als Teenager von Ihren Eltern ins Zimmer verbannen lassen? Es fehlen die Peers.

Meine Große hat zum Glück einen Weg für sich gefunden. Sie lernt für ein gutes Abitur trotz und gerade wegen Corona. Und sie unterstützt uns bei der Geschwisterbetreuung und ein bisschen beim Spülmaschineausräumen. Freundinnen werden depressiv, aggressiv oder kippen ihren Kummer mit Alkohol runter. Oder sie halten sich „nur“ einfach nicht an Absprachen.

Meine früheren Klassenkameraden organisieren gerade unser 25 jähriges Abijubiläum im Herbst. Was meinen Sie, werde ich hingehen, wenn meine Tochter keinen Abiturball bekommt, keine feierliche Übergabe der Zeugnisübergabe stattfindet und dieser Lebensabschnitt sang- und klanglos endet? Gerade diese Abschlussklassen 2020 erbringen so viel mehr Leistung neben der schulischen.

Meine zwei Jüngeren sind wütend: Warum darf die Große zur Schule und sie nicht?

Ich bin übrigens nicht nur Mutter, ich bin auch systemrelevant. Ich habe gelernt, dass dieser Begriff dehnbar ist wie Kaugummi. Ob ich auch noch systemrelevant bin, wenn Prämien für die ausgezahlt werden, die in der Coronakrise Patienten versorgen? Prämien sind nett, aber wieso verdient mein Mann im Homeoffice als IT-ler dreimal so viel wie ich?

Ich bin Dipl.Kunsttherapeutin FH auf einer Kriseninterventionsstation. Unsere Patienten haben kein Covid19. Aber: Ist eigentlich jemand, der sich aufgrund der Isolation und Perspektivlosigkeit suizidiert, auch an Corona verstorben?

Wir arbeiten. Anders. Mehr. Ob die Bezahlung angemessen ist - in der Coronakrise oder ohne - ist diskussionswürdig. Wir arbeiten sogar weiter, während wir auf das Corona-Testergebnis warten, und auch, wenn wir positiv getestet sind und keine Symptome zeigen. Die Quarantäne gilt dann nur für zuhause.

Die Dame der Corona-Hotline schüttelt mit mir zusammen den Kopf. Sie hört täglich absurde Geschichten. Ob diese jemals der Öffentlichkeit erzählt werden? Da ist mein Arbeitgeber noch wirklich bemüht. Es gibt andere , die sich besser und auch schlechter um ihre Mitarbeiter sorgen. Meine Geschichten sind somit nur ein bisschen absurd. Während meine Kinder nicht zur Schule dürfen, sitze ich in beengten Räumen mit mindestens zehn Kollegen im Team. Man kann ja die Fenster öffnen. Anders geht es nicht. Wir arbeiten mit Menschen für Menschen. Video- und Telefonkonferenzen kennen und können wir nicht gut. Spätestens, wenn Sie selbst in einem Krankenbett liegen und auf Hilfe angewiesen sind, wissen Sie warum nicht.

Die Wellen auf den Weltmeeren sind hoch. Wir sitzen in unseren Booten und suchen nach Leuchttürmen und Seekarten. „Kinder und Frauen zuerst“ heißt der bekannte Satz. Die Frauen stehen an dieser Stelle stellvertretend für alle Sorgenden, Begleitenden, Pflegenden.

Wir können das Steuer in die Hand nehmen, denken und die Boote lenken. Jeder einzelne. Also bitte tun Sie es auch: Denken Sie nach! Und verändern Sie!

Sandra Deistler

a4315

Gespräch mit „CORONA“

Du besuchst uns unerwartet und ohne Ankündigung deines Besuchs.

In deiner Anwesenheit sind wir still und ruhig geworden, wir trauen uns kaum zu bewegen damit wir nichts falsch machen.
Wir sind uns näher gerückt und halten zusammen während deines Besuchs, hoffen wir dass es so bleibt wenn du dich wieder von uns verabschieden wirst.

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Es ist nicht leicht zu akzeptieren und anzunehmen was wir plötzlich anders sehen.
Dein Besuch hat uns fähig gemacht, für den Nächsten da zu sein, hilfsbereit und ohne eine Vergeltung zu erwarten.

Du gibst uns zum Nachdenken darüber, was wir bis jetzt falsch gemacht haben und wohin unser Weg, den wir bis jetzt gegangen sind, uns führt.
Wir haben diese Erde kaputt gemacht in der Meinung sie gehört uns und nur uns Menschen, aber du hast uns gezeigt wie wichtig der Mensch ist der von GOTT geschaffen ist um diese Erde zu bewohnen und zu erhalten damit die nächste Generation auch auf ihr leben und sich freuen kann.

Hoffen wir, dass das was jetzt wichtig ist auch nach deinem Besuch wichtig bleibt.

Du hast allen, auch denen die meinen sie sind mächtig auf dieser Erde, zu verstehen gegeben was wirklich wichtig ist, und was wir „gemeinsam“ tun sollen damit der Mensch, der von Gott geliebt und für den andern bestimmt ist, gemeinsam diese Erde bewohnt und sie erhalten lässt.

Wenn du wieder vor hast uns zu besuchen, dann bitte sei nachsichtig und bleibe nicht allzu lange, damit wir unser Leben in gewohnter Weise weiter leben können und uns des Lebens freuen können.


a4314

Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge Wien...

haben in den vergangenen Wochen Menschen für die Dauer eines Gespräches begleitet. In sehr vielen Gesprächen ist es um das Thema Corona und die Auswirkungen um das Leben gegangen: Das eigene Leben, wie sich Corona auf Beziehungen auswirkt, was es für den Alltag bedeutet, welche Unsicherheiten und Ängste damit verbunden sind,…,…,… Die Gespräche waren ein Abbild von dem, was sich in Österreich ereignet hat, wie die Gesellschaft geprägt wurde.

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Und auch unsere ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren in ihrem Alltag mit dieser neuen Situation konfrontiert.

Einige unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ihren Dienst in den vergangenen Wochen ruhend gestellt. Veranlasst hat sie die Sorge von Angehörigen, die Sorge um die eigene Gesundheit und die Achtsamkeit von Kolleginnen und Kollegen der Stelle. Es ist den meisten nicht leichtgefallen, die Telefonseelsorge „gerade in Zeiten wie diesen“ nicht unterstützen zu können. Was aber wirklich spürbar war, war die Achtsamkeit im Umgang miteinander und das gefühlte Getragen- und Unterstützwerden von denen, die von zu Hause aus mitgedacht haben.

Andere unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben auf einmal ganz andere Zeitressourcen gehabt und das Team in der Stelle unterstütz. Das war in den ersten Wochen besonders wichtig, weil da die die tägliche Anruferzahl um die Hälfte gestiegen ist. Mittlerweile entspricht die Zahl der Anrufenden wieder der von Anfang März.

Ich habe die letzten Wochen als eine sehr intensive Zeit erlebt, in der es wichtig war, die Kolleginnen und Kollegen in der Stelle zu begleiten. Man ist sich anders näher gekommen, man hat die Bedürfnisse und auch die Befindlichkeiten der Menschen, mit denen man viel zu tun hat und zusammenarbeitet, anders und neu kennengelernt.  Genauso wichtig war und ist die Begleitung der Kolleginnen und Kollegen, die zu Hause waren und vielleicht auch noch länger sind. Intensiv spürbar bleibt die Verbundenheit, die Achtsamkeit und das Gefühl und Wissen, dass jede und jeder einzelne wichtig ist, damit eine Stelle wie die Telefonseelsorge funktionieren kann.

Carola Hochhauser

a4313

Ich möchte eigentlich nur sagen,...

dass man die Arbeit der Beschäftigten in der Pflege, in der Betreuung von psychisch und physisch beeinträchtigten Menschen, in Krankenhäusern, in Heimen, in der integrativen Beschäftigung, in der Seelsorge usw. (das kann man gar nicht alles vollständig aufzählen) nicht hoch genug schätzen kann.

Der Wert, den diese Menschen für die Gesellschaft leisten, ist unermesslich, und daher sollten sie (vielmehr als manch andere) als die vielzitierten "Leistungsträger*innen" gesehen und behandelt werden.

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Dies bedeutet, dass man ihnen nicht nur applaudieren soll, sondern dass man ihnen tatsächlich mehr Wertschätzung, Anerkennung, Dank und Unterstützung zuteil werden lassen sollte - und zwar dauerhaft, in den Arbeitsbedingungen und monetär! Denn es ist wichtig, diese Care-Arbeit, in welcher Form auch immer, tatsächlich so zu entlohnen und arbeitsrechtlich zu gestalten, wie es dem Wert und der schweren Arbeit entspricht. Dies gilt auch deswegen, damit die (ebenso vielzitierten, jedoch leider ansonsten oft vernachlässigten) wichtigen Pflegeberufe auch ergriffen werden.

a4308

Erfahrungen und Gedanken für eine „Sorgende Gesellschaft“

Ich bin weder in der Pflege noch im Gesundheitsbereich tätig. Dennoch erlaube ich mir etwas zu sagen: Sich für- und umeinander sorgen, sollte Selbstverständlichkeit in jeder Familie und jeder Gesellschaft sein. Warum sagen wir social distancing und meinen physical distancing? Vielleicht lehrt die Corona-Zeit eins: Studieren kannst du überall. Warum irgendwohin gehen, wo man nicht zu Hause ist, sich nicht zu Hause fühlt?

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Berührt hat mich ein häuslicher Gottes- und Menschendienst zu Gründonnerstag mit Fußwaschung und die Mail eines Arztes, der mich darum bat, ihm Statements zu schicken, was Theologen sagen über die Corona-Pandemie. Ich habe große Hochachtung vor den in Pflegeberufen Tätigen. Dennoch war ich irgendwann der vielen Testimonials überdrüssig, die im Social Web verbreitet wurden. Eine Pandemie, die weltweit grassiert, braucht nicht noch derart medial verstärkt werden. Nach wie vielen Charity-Galas hat Mutter Teresa eingesehen, um uns diese anthropologische Weisheit mitzuteilen: "If you want to change the world, go home and love your family“?

Benedikt Winkler

a4307

Langzeitpflege, Hauskrankenpflege und 24h Betreuung...

bleibt aufrecht. 24 h Betreuer werden aus Rumänien eingeflogen und kommen 14 Tage in Quarantäne. Wird alles vom Staat bezahlt. Aber jene Personen die auf eine Tagesbetreuung angewiesen sind (weil Partner noch berufstätig ist, oder die Person alleine lebt ) lässt man fallen. Man bekommt keine Hauskrankenpflege und das Tageszentrum sperrt man und macht dort eine Covid Station. Dieses Tageszentrum befindet sich dort wo auch ein Heim für Langzeitpflege besteht. Gerade dort wo die gefährdeten Personen sind , dort macht man eine Covid Station. Nein, nicht in den leeren Kuranstalten oder beim Bundesheer.

a4306

Protokoll eines Frühstückgesprächs

Ich lebe derzeit mit drei (Ordens-)frauen zusammen. Aufgrund unseres unterschiedlichen Alters, der unterschiedlichen Berufe und der unterschiedlichen Herkunft ergeben sich da immer spannende Gespräche am Frühstückstisch. So wie vor kurzem.

Ich arbeite als Lehrerin. Gerade in „Corona-Zeiten“ wird noch sichtbarer als sonst, welche Kinder/Jugendlichen zuhause Unterstützung bekommen (können), welche nicht (je nachdem, ob die Eltern z.B. „systemrelevanten“ Berufen nachgehen oder nicht).

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Wie war das bei uns, als wir Kinder waren? Wer hat uns zugehört, als wir das eine oder andere „G‘schichtl“ aus der Schule erzählen wollten – und zwar dann, wenn die Aufregung oder Freude noch „brühwarm“ war, nicht erst um 18 Uhr?
Aus meiner Erfahrung in der Nachmittagsbetreuung weiß ich, wie viele Kinder einfach jemanden bräuchten, der ihnen zuhört – in einem nach Stundenplan extrem getakteten Schüler*innen- (und Lehrer*innen)leben ist das fast nicht möglich. Es waren zwar immer genügend Betreuungspersonen da – aber meist keine Kontinuität. Die braucht es aber, um Vertrauen und Beziehung aufzubauen. Die Betreuung war gesichert, ja – aber die „Sorge“?

Wie haben unsere Eltern die Verteilung von Erwerbs- und Familienarbeit gelebt? Wer war wofür zuständig? Und wer würde den Preis dafür bezahlen, sollte die Paarbeziehung dann doch nicht lebenslang halten? Und wie hoch wäre dieser Preis? (Stichwort: Altersarmut von Frauen, Mini-Pensionen aufgrund von Kinderbetreuungszeiten usw.)

Was verlockt Frauen und Familien (immer noch), das „klassische Modell“ (Frau steckt für einige Jahre beruflich zurück, Mann macht dafür Überstunden und evtl. Karriere) zu leben? Bei immer noch sehr ungleichen Löhnen in typischen Frauen- und Männerberufen ist da schon sehr, sehr viel an „good will“ nötig, um aus Gründen der Gerechtigkeit auf einen durchaus beträchtlichen Teil des Familienbudgets zu verzichten.

Doch auch ohne eigene Familienpflichten und direkte „Care-Aufgaben“ zuhause, betrifft das viele Frauen: Meine Mutter ist Ergotherapeutin und hat immer wieder erzählt, dass in den Gesundheitsberufen viele Leute keine 100%-Anstellung anstreben, weil sie das Gefühl haben, dann nur wie am Fließband zu arbeiten und den Menschen dabei nicht gerecht zu werden. Was als Konsequenz dann natürlich ein noch geringeres Gehalt und erst recht eine noch geringere Pension als ohnehin bedeutet.
Dass es sich dabei nicht um rein individuelle Entscheidungen handelt, sondern um ein „schiefes“ System, zeigen die Proteste und Forderungen einer 35 Stunden-Woche der Sozialwirtschaft, die mit den Corona-Beschränkungen ein abruptes Ende genommen haben. Dafür hat der Applaus auf den Balkonen begonnen. Wird sich der Applaus nach der Krise in gerechteren Löhnen manifestieren?
Was heißt das, wenn jetzt in der Krise das Motto „Menschenleben gehen über alles“ postuliert wird (und ja, ich finde das gut und richtig so!) – werden wir als Gesellschaft auch weiterdenken, wie eine diesen Menschenleben gerecht werdende Verteilung von Löhnen, von Erwerbs- und Sorgearbeit aussehen soll?

Mein Bruder, als Jungpapa derzeit in Karenz, und seine Partnerin haben sich die Kinderbetreuung meines Neffen ziemlich genau fifty/fifty aufgeteilt – was vor allem deshalb möglich ist, weil die beiden ähnlich viel verdienen. Mit Interesse beobachte ich, wie sie das machen. Und freue mich, dass sich doch ein bisserl was ändert auf diesem Gebiet. Ein bisserl was – beim Babyschwimmen war er doch meist der einzige Mann…

Maria Ladenhauf

a4305

Die Bedeutung ethischer Auseinandersetzungen für das Leben...

1. Was ist Deine Schlüsselerfahrung aus der Corona-Zeit im Zusammenhang mit Deiner Sorge-Tätigkeit, oder der Anderer?
Die Bedeutung ethischer Auseinandersetzungen für das Leben wurde schlagartig sichtbar und erfahrbar. Plötzlich war der Alltag von vielen Menschen voll von ethisch relevanten Entscheidungen: z.B. meine 80jährige psychisch kranke Tante steht 10 Tage nach dem Shutdown kurz vor der Einweisung in die Psychiatrie, nach einigem Hin und Her wurde klar, sie hat sich nicht zum Arzt getraut, ein Rezept zu holen für ihre Medikamente, so war sie ca 14 Tage ohne Medikation.

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Es war ganz schlimm für sie, eine Klinikeinweisung konnte durch rasches Vorgehen v.a. des Facharztes am Telefon verhindert werden. Ich musste mich am Telefon als Vorsorgebevollmächtigte nicht ausweisen, die DSGV wurde stark eingeschränkt. und dadurch war eine unkomplizierte Lösung möglich.

2. Was hat Dich dabei am meisten berührt – oder erschüttert?
Berührt hat mich die Erfahrung dass ich als Mensch, wir als Individuen wirklich bezogen sind auf ein Du, ein Antlitz, ein Gegenüber – wie gut tut es, einen Menschen zu sehen und mit einem Menschen zu sprechen mit und ohne Mundschutz. Erschüttert hat mich, wie schnell menschenrechtliche und demokratische Grundrechte wie zum Beispiel die Religionsfreiheit außer Kraft gesetzt werden und keinen stört es! Je länger der Shut down dauert, desto lauter werden Stimmen, die Kritik üben, das beruhigt mich etwas. Erschüttert hat mich weiters, wie schnell einzelne Menschen und auch Familien in die Vereinzelung und Einsamkeit rutschen. Derzeit erschüttert mich auch, wie wenig kreativ wir sind, und die Lösungsstrategien auf den gleichen wirtschaftlichen Prämissen aufbauen, die vor dem Shut down schon fragwürdig waren.

3. Was sollen wir als Gesellschaft deshalb nach der Corona-Zeit anders machen – oder unbedingt bewahren? Was ist deshalb ein wichtiger Baustein für eine „Sorgende Gesellschaft“?
Nach der Wirtschaftskrise 2008 wurde das Sozial – und Gesundheitswesen in Österreich noch stärker kapitalisiert mit erschreckenden Folgen für Träger und Anbieter. Ich rechne in diesen kommenden Monaten und Jahren mit noch verstärkten Entwicklungen in diese Richtung. Verschiedene wirtschaftliche und politische Interessen prallen noch stärker aufeinander. Ein wichtiger Baustein für eine „Sorgende Gesellschaft“ – Neben Solidarität mit Betroffenen ist es auch die Verantwortung des einzelnen, die stärker thematisiert werden sollte, kein angenehmer Diskurs – wie ich vermute. Freiheit gibt es nur in Verbindung mit Verantwortung, mein Eindruck geht in die Richtung, dass viele Menschen die Freiheit für sich sehr gerne in Anspruch nehmen, dass das Gegenüber auch freiheitliche Rechte besitzt, ist schon nicht mehr so bewusst, und v.a. diese Freiheit braucht immer auch die Rückbindung in die Verantwortung – auch jedes Einzelnen, jeder Einzelnen.

Michaela Koller

a4270

Ungewissheit aushalten und mit aller Kraft relativieren

Ungewissheit aushalten und mit aller Kraft relativieren.
Widersprüche aushalten und nicht dazu schweigen.
Ratlosigkeit aushalten und anderen trotzdem (oder gerade deswegen?) eine Stütze sein.
Hilflosigkeit aushalten und mit anderen teilen, damit es erträglich bleibt.

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Das, was die derzeitige Situation für mich so speziell macht, ist, dass alle oben genannten Zustände alle Welten betreffen, in denen ich mich bewege.

Sie betreffen mich als Tochter von Eltern, die in die Risikogruppe fallen.

Sie betreffen mich als Mutter von Kindern, die weder „Superspreader“ noch „schwierig im Homeschooling“ sind. Meine, unsere, Kinder sind, ebenso wie wir „Erwachsene“, Menschen, die aus ihren Peergruppen gerissen wurden, die sich nicht auskennen, verunsichert sind, konfrontiert werden mit Situationen, die so gar nicht „Alltag“ sind.

Die genannten Situationen betreffen mich als Freundin und Schwester, als Studienkollegin und Bekannte von Menschen, die mir scherzhaft fern sind – was eigentlich paradox ist, denn seit „Corona“ habe ich viel mehr telefonischen oder virtuellen Kontakt mit meinen „Peers“. Aber trotzdem, es fühlt sich nicht „vollwertig“ an, die Umarmungen, der physische Kontakt, fehlen und fehlt.

Die Zustände betreffen mich aber auch als Leiterin eines Tageszentrums, als Kollegin, als Beraterin von An- und Zugehörigen.

Jeden Tag aufs Neue versuche ich meine eigenen, privaten Zustände – so gut es geht, denn ich bin auch nur Mensch – zur Seite zu schieben und trotzdem kongruent zu bleiben.

Ich lasse mich auf die Ängste ein, auf die Fragen, die Ungewissheiten, die Sorgen, die Einsamkeit, die Traurigkeit, die Wut. Ich höre zu, ich versuche, das mir Anvertraute mit zu (er) tragen, ich versuche, Hoffnung zu leben und zu geben.

Ich versuche, in meiner Kraft zu bleiben.

Wir mir das (einmal besser, einmal schlechter) gelingt?

Ich bin unverbesserlich in meinem Glauben an die Menschen. In meinem Glauben, dass wir für die, die sich nicht wehren können, eintreten müssen. In meinem Glauben, dass wir denen, die nicht gehört werden, eine Verstärkung ihrer Stimmen sind. In meinem Glauben an die unbedingte Notwendigkeit der Reflexion und des kritischen Hinterfragens. In meinem Glauben daran, dass auch in dieser „Krise eine Chance liegt“ (das ist furchtbar abgedroschen, aber es stimmt – zumindest für mich).

In meinem Glauben daran, dass wir, jeder einzelne und als Gesellschaft, einen Weg finden werden. Einen Weg, den wir gut gemeinsam gehen werden. Dieser Weg wird vermutlich anders aussehen, als wir uns dies noch vor wenigen Wochen vorgestellt haben – aber er wird gangbar und von uns gestaltbar sein.

Bis wir diesen Weg gefunden haben werde ich weiter zuhören, mittragen, mitaushalten, mitlachen, mittrauern und ich sein.

Marianne Buchegger
 

a4269

Sie werden wahrscheinlich entsetzt sein über meine Aussage,...

aber für mich hat die Corona-Krise etwas Positives gebracht. Es waren zwar ohnehin nur noch zwei Tage pro Woche, an denen ich mich um meine derzeit 93-jährige Schwester kümmern musste, (den Rest der Woche teilten sich eine bewundernswert gute Freundin meiner Schwester und das Personal eines Pflegedienstes) aber diese 2 Tage waren immer wieder begleitet von Vorwürfen und Kepplereien,

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dass niemand Zeit hat, dass Tiere (die Freundin hat einen Hund) wichtiger sind als Menschen, dass sich die Freundin auch zeitweise um ihre Enkelkinder kümmern muss, obwohl die eh schon 12 Jahre und älter sind, dass im Nachbarhaus so viel herumliegt und nicht aufgeräumt wird usw. Doch nun fallen auch diese zwei Tage weg, da ich mit meinen fast 81 Jahren ebenfalls zum gefährdeten Personenkreis zähle. Nun übernimmt auch meine Aufgaben wie die Tabletten für die ganze Woche einzuschlichten, für Nachschub sorgen, Ärztin um Rezept bitten, Einkaufsdienst und Mittagessen wärmen, der Pflegedienst.

Natürlich bin ich immer noch zuständig wenn die Waschmaschine kaputt ist oder der Gartenschlauch abreißt, ihr nicht mehr benütztes Auto zum Service und Pickerl gehört (aber verkauft darf es nicht werden).

Obwohl ich sie zu verschiedenen Ärzten fahre, mich um die Erledigung der Post kümmere, oder eine Glühbirne zu wechseln ist, muss ich mir sagen lassen: "Was machst Du denn schon."

Ich war schon nahe dran, selbst in ein Altersheim zu gehen, damit ich all diesen Verpflichtungen und Kepplereien entgehen kann. Aber Corona hat es möglich gemacht, dass ich jetzt nur noch einmal in der Woche vorbei schaue, einige Fertigmenüs und Getränke vorbeibringe. Falls ein Zahnarzttermin notwendig wird, bin natürlich wieder ich in der Verpflichtung - aber das werde ich aushalten, da ich Dank Corona einigen Abstand gewonnen habe.

Auch die Freundin zählt zu den gefährdeten Personen und außerdem wurde ihr von der Ärztin empfohlen, sich auf Grund ihrer gesundheitlichen Probleme zurückzuziehen, nicht mehr so zu engagieren. (Auch sie hat sich immer wieder aufgeregt und geärgert).

Auf den Vorschlag, entweder eine 8-Stunden-Hilfe zu nehmen oder in ein Heim zu gehen, erhält man nur eine grantige Antwort: "Brauch ich nicht".
Die Moral von der Geschichte: Man muss den Wunsch eines Menschen, zu Hause bleiben zu wollen, respektieren. Aber wie es jenen Menschen geht, die sich um ihn kümmern müssen, danach wird nicht gefragt. Egal, ob die einen Schlaganfall erleiden, Magengeschwüre bekommen, oder nervlich am Ende sind.
Da ist doch ein "Wurm" im System.

Außerdem wurde ein Ansuchen, von der Pflegestufe 1 auf eine höhere Stufe zu kommen, abgelehnt.

Dies ist nur ein kurzer Auszug aus einer jahrelangen "Leidensgeschichte".

a4267

Am Anfang war ich gar nicht böse auf die "Corona"...

Die verordnete Langsamkeit kam zwar unerwartet, löste bei mir weder Panik noch Kaufzwang aus - eher ein Wohlbefinden über die unerwartete allgemeine Gemächlichkeit.
Mein Küchenkasten und auch das Tiefkühlfach waren beruhigend bestückt und drei Klopapierrollen befanden sich dort wo sie hingehören.

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Es flatterten viele Flyers von Restaurants in den Postkasten, die  angebotenen  Köstlichkeiten würden bis vor die Tür geliefert.
Gleich am Sonntag machte ich davon Gebrauch .
Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass diese drastischen Maßnahmen länger als zwei Wochen dauern würden.  Eine stärkere Grippewelle halt, so etwas hatten wir Alten doch schon erlebt.
Mittlerweile koche ich wieder selber.

Mit Schwung begann ich mit dem anstehenden Frühjahrsputz.
Küche gereinigt, Kleiderkasten ausgemistet, Bücherschrank geordnet, Fenster noch immer nicht geputzt.
Die Einzelhaft war anfänglich erträglich, Bücher ersetzten Freunde, mittlerweile ist der Schwung  weg, die Tage verschwimmen.

Das wöchentliche  Vergnügen in Hallenbad und Sauna - nur mehr Erinnerung.
Gelassenheit ist Unbehagen gewichen.
Gerne würde ich mit Kanonen auf diese unsichtbaren, winzigen Ungeheur schießen.
Erzählungen über die "Spanische Grippe" und deren Folgen kommen in Erinnerung.
Ein Gefühl der Verlassenheit, Einsamkeit, Trägheit macht sich breit.
Nur gelegentliche Radtouren mit Freunden auf der Donauinsel vermitteln ein Gefühl von Freiheit und Lebensfreude.

Die Natur hat die Notbremse gezogen und dem menschlichen Größenwahn Grenzen gesetzt.
Menschen ersticken, die Erde atmet auf.
Das Ende des Albtraums wird sehnsüchtig erwartet.
Nachhaltige Konsequenzen wären wünschenswert - Einstein's Worte über die Dummheit der Menschen sind nicht sehr hoffnungsvoll...

Waltraud Schauer

a4268

Du hast ein Internet? Dann backen wir gemeinsam einen Kuchen!

Von der Idee habe ich schon lange vor der Corona Krise gehört. Weil sie ihre Mutter nur monatlich in Ungarn besuchen konnte, richtete die in Österreich lebende Tochter der betagten Frau einen „Skype-Zugang“ ein. Als der Mutter auf Grund zunehmender Vergesslichkeit auch das beliebte Kuchen backen schwer viel, lud sie die Mutter ein gemeinsam über den Computer zu backen. Das Zusehen und der Tochter dabei Tipps zu geben machte richtig Freude.

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Vermutlich wären je nach Situation verschiedene Varianten des „digitalen Backens“möglich. In beiden Küchen könnte parallel ein Kuchen entstehen, oder einmal hier und das nächste Mal dort.. Gemeinsam könnte auch überlegt werden, wem das Produkt zu Gute kommen soll. Ob es etwa geteilt und ein Familienmitglied/Freund übernimmt den Transport der Kuchenhälfte….oder zur Gänze einer wohltätigen Einrichtung gespendet wird….

Also auf die Plätzchen fertig los!

Norbert Partl

a4262

Doppelbelastung

Am 13. März entschied ich, zu meiner Lebensgefährtin zu ziehen. Sie sollte am 17. März ins Spital kommen. Eine Herz-Operation! Es war bereits vorauszuahnen, dass restriktive Beschränkungen auf uns zukommen würden. Völlig unklar war, ob die Operation tatsächlich stattfinden kann. Am Montag, dem 16. März, also einen Tag vor dem geplanten Einchecken im Spital, rief meine Lebensgefährtin im Spital an. Und zu unser beider Überraschung sollte sie am Tag darauf wie vorgesehen im Spital einrücken. Wir hatten damit überhaupt nicht gerechnet!

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Ich hatte unabhängig von der Pandemie vorgehabt, mich nach der Herz-OP um meine Lebensgefährtin zu kümmern. Nach so einer schwerwiegenden Operation konnte ich sie unmöglich allein lassen! Wir haben an und für sich zwei eigene Wohnungen. Unter normalen Umständen hätte ich mich einige Wochen um sie gekümmert. Nun war ich in der Wohnung und stellte mich darauf ein, einige Zeit dort alleine zu verbringen. Ich würde auf ihre Rückkunft warten und mich dann um sie kümmern.

Die Operation wurde zwei Mal verschoben und fand dann endlich vier Tage nach dem Einrücken im Spital statt. Die Verschiebungen haben an meinem Nervenkostüm gezehrt. Und meine Lebensgefährtin und ich ahnten nicht, dass ihr Spitalsaufenthalt fast fünf Wochen dauern würde. Fünf Wochen, wo ich sie nicht besuchen durfte. Fünf Wochen, die von einigen Rückschlägen gekennzeichnet waren. Und als Hintergrundgeräusch die Pandemie und die Frage, wie ich damit umgehen sollte. Nachdem eine Therapeutin gemeint hatte, es wäre besser, wenn ich nicht rausginge, habe ich mich daran gehalten. Fast drei Wochen lang. Essen habe ich mir zustellen lassen. Ich rotierte in der Wohnung. Außer der Morgengymnastik und ruhelosem Herumgehen in der Wohnung konnte ich nicht viel machen. An und für sich lese ich viel. Das war unter diesen Umständen aber auch nicht möglich. Knapp zwei Wochen nach der Operation gab es erstmals die Information, dass sie in Bälde entlassen werden sollte. Doch daraus wurde nichts. Und es war gut so! Denn der Zustand meiner Lebensgefährtin verschlechterte sich. Starker Husten und Fieber. Und es kam dazu, dass sie auf Corona getestet wurde. Ein Tag Hoffen und Bangen. Ein Arzt beruhigte. Er sagte, dass er nicht von Corona ausginge. Und er behielt Gott sei Dank recht. Aber es dauerte einige Zeit, bis sie sich wieder etwas besser fühlte. Und dann gab es ein Hin und Her. Ständig andere Ärzte bei der Visite. Und es war ein Riesenglück, dass sich schließlich, nachdem ihn meine Lebensgefährtin zufällig angesprochen hatte; also ohne zu wissen, dass er der Leiter der Abteilung war; der Primar persönlich die Sache in die Hand nahm. Es war vorher ein weiteres Mal eine Verlängerung des Spitalsaufenthalts beschlossen worden. Und das passierte deswegen, weil jeder Arzt bei der Visite eigene Vorstellungen vom Gesundheitszustand meiner Lebensgefährtin hatte. Dann war es nach knapp fünf Wochen endlich soweit, dass sie nach Hause zurück kehren konnte.

Die größte Erschütterung für mich war es, als ich von ihr erfuhr, dass sie über Ostern im Spital bleiben müsse. Wir hatten beide gehofft, Ostern gemeinsam verbringen zu können. Zu diesem Zeitpunkt war ich knapp drei Wochen in freiwilliger Quarantäne. Und dann erlebte ich fast einen Nervenzusammenbruch. Die einzige Chance, nicht völlig zusammen zu brechen, war für mich, nach draußen zu gehen, einen Spaziergang zu machen. Und genau das machte ich. Am späten Vormittag machte ich mich auf den Weg, und es war eine unglaubliche Befreiung für mich. Es war schönes Wetter, und ich genoss die zwei Stunden des Spaziergangs. Und heute weiß ich, dass der Entschluß, die Quarantäne zu beenden, für mich lebensnotwendig war. Sonst hätte ich psychische Schäden erleiden können und nicht das tun, was ich mir ja vorgenommen hatte: Mich nach der Rückkehr meiner Lebensgefährtin aus dem Spital mich um sie zu kümmern! Das geht nur, wenn ich selbst halbwegs stabil bin! Ich bin grundsätzlich ein vorsichtiger Mensch und habe sehr aufgepasst, Abstand zu halten. Und mir auch Desinfektionsmittel für unterwegs in einem Fläschchen mitgenommen.

Die Herz-OP musste unter schwierigen äußeren Umständen stattfinden. Es war einige Tage nicht sicher, ob sie nicht doch noch auf unbestimmte Zeit verschoben werden würde. Umso wichtiger war es, dass sie dann doch stattgefunden hat. Die Herz-OP war erfolgreich und das war die Hauptsache. Vor lauter Sorge um meine Lebensgefährtin waren insbesondere die ersten vier Wochen nach der OP so für mich, dass ich die Pandemie nur am Rande wahrnahm. Ich habe fast jeden Tag mit meinem besten Freund telefoniert. Das war extrem wichtig.

Jetzt kann ich mich um sie kümmern und das ist eine große Erleichterung. Und wir versuchen beide, die Pandemie nicht in den Fokus zu stellen. Im Grunde machen wir das automatisch. Denn es geht darum, dass sie wieder gesund wird. Sie trägt noch knapp drei Wochen einen Brustpanzer. Und sie gehört natürlich zur Risikogruppe. Selbst bin ich seit etwas mehr als einem Jahr arbeitslos und habe somit während der Pandemie dahingehend „nichts verloren“. Wichtig ist, dass ich mich um sie kümmern kann. Es wäre relativ leicht gewesen, einen Job zu ergattern, aber das ist in dieser Zeit irrelevant. Wie es nach der Pandemie sein wird weiß ich nicht.

Ein Virologe ist im Rahmen eines Interviews gefragt worden, ob er denn glaube, dass nach Corona alles so sein würde wie vorher? Und er hat eine bemerkenswerte Antwort gegeben: „Ja, das befürchte ich.“ Und damit sprach er das aus, was ich mir auch denke. Es wird genau so weiter gehen wie es vorher aufgehört hatte. Die meisten Menschen sehnen sich nach dem „status quo“. Damit sind sie zufrieden und mehr wollen sie auch nicht. Es wäre toll, wenn die Gesellschaft nach Corona eine andere, eine bessere wäre, als vor Beginn der Pandemie. Aber irgendwie fehlt mir der Glaube daran. Dabei gäbe es keinen besseren Zeitpunkt als JETZT, Änderungen zu bestreiten. Es ist nunmehr oft von „systemrelevanten Berufen“ die Rede. Gerade diese Berufe sollten über Corona hinaus jene Anerkennung bekommen, die sie sich verdienen. Das muss sich auch finanziell auswirken. Und zwar nicht nur mit ein paar Euro mehr pro Monat. Und ebenso im Sinne einer gesellschaftlichen Aufwertung dieser so wichtigen Tätigkeiten. Das Kümmern ist so wichtig! Sich um alte, kranke, und überhaupt Menschen zu kümmern, die keine Lobby haben. Ich würde gerne als Alltagsbegleiter arbeiten. Wie gerade jetzt erkennbar ist, brauchen alte Menschen soziale Kontakte. Sie brauchen Zuwendung, und Menschen, die ihnen zuhören. Die Pflege ist wichtig und ein Menschenrecht. Die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte aber genau so! Und es ist traurig, mir vorzustellen, dass in diesem Bereich wohl auch nach Corona nichts Gravierendes passieren wird. Ich werde versuchen, diesbezüglich aktiv zu werden. Aber werde ich damit erfolgreich sein?
Eine sorgende Gesellschaft könnte etabliert werden. Eine Gesellschaft, wo jeder Mensch gleich viel wert ist, und nicht nur nach ökonomischer Brauchbarkeit geschaut wird. Wir alle sind Menschen und brauchen einander. Wann, wenn nicht in dieser schwierigen Zeit, kann das klarer erkennbar sein? Als Gesellschaft sollten wir aus der Krise etwas lernen können. Nämlich, dass wir einander brauchen. Wie schon Martin Buber sagte: „Der Mensch wird am Du zum Ich“. Ohne Du hat das Leben keinen Sinn.  Statt Selbstoptimierung SOLIDARITÄT; das wäre doch etwas, wenn die Gesellschaft in diese Richtung gehen könnte!
Abschließend kann ich nur wiederholen, dass ich an eine große gesellschaftliche Änderung nicht glaube. Und muss zugestehen, dass ich mich in diesem Punkt sehr, sehr gerne täuschen würde!

a4259

Erfahrungen & Gedanken aus einem Krankenhaus

Als Leiterin und Hauptverantwortliche der Großküche im Krankenhaus möchte ich einige meiner Erfahrungen in der Corona-Zeit folgendermaßen beschreiben:

1. Schlüsselerfahrungen
Eine beeindruckende Erfahrung war und ist, dass mein Team in außerordentlichen Situationen zu außerordentlichen Leistungen bereit und fähig ist: sowohl, was die Diensteinteilung betrifft, als auch die Flexibilität und die Disziplin.

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Eine weitere Erfahrung war die Herausforderung, binnen kürzester Zeit die gesamte Organisation der Speisenverteilung an Patienten und Personal total umzustellen. Ebenso war es notwendig, einen Notfallplan und Notfall-Speiseplan zu erstellen, der bei meinem (möglichen) Ausfall und beim gleichzeitigen (möglichen) Ausfall meiner Vertreterin einen verlässlichen Küchenbetrieb garantiert, d. h. es war notwendig, alle Mitarbeiter einzubeziehen und für alle Bereiche eine geeignete Vertretung auszuwählen und einzuschulen.

Im Rückblick darf ich dankbar feststellen, dass ich selbst – trotz sehr großer Verantwortung – zu keiner Zeit Ängste oder große Sorge hatte, dass die Situation nicht zu bewältigen sei. Ich bin jeden Tag zuversichtlich und positiv an die Aufgaben herangegangen.

2. Was mich berührt oder erschüttert hat
Es hat mich sehr berührt, dass im Krankenhaus plötzlich von einem Tag auf den anderen alles anders war und alle Kräfte: Personal, Intensivstation, Patientenbetten für den Tag X bereitgehalten wurde. Das habe ich, und auch alle anderen, noch nie erlebt.

Erschüttert hat mich die Reaktion von zwei Mitarbeiterinnen: einerseits die große Angst selbst am Coronavirus krank zu werden, und andererseits die ebenso große Angst, auf Grund der Umstände die Arbeit zu verlieren. Indem ich auf ihre Ängste eingegangen bin, mit ihnen die Situation besprochen und sie ernst genommen habe, konnte sich ihr Befinden bald verbessern, insbesondere die unbegründete Angst auf Verlust des Arbeitsplatzes konnte rasch behoben werden.

3. Was wir als Gesellschaft nach der Corona-Zeit bewahren sollen
Wichtig ist und bleibt, dass der Staat Menschen in Not finanziell und materiell hilft.

Die Gesellschaft soll darauf achten, dass die Würde, die Ehrfurcht und der Respekt von jedem Menschen VOR materiellen und wirtschaftlichen Interessen steht.

Jene Berufsgruppen, die jetzt als „systemerhaltend“ bedankt und gelobt werde, müssen auch in Zukunft mehr Ansehen und angemessene Entlohnung erhalten.

Sr. Martina Jawor SDS

a4258

Voneinander und als Gesellschaft lernen – Trauerbegleitung JETZT!

Auch in Zeiten von COVID 19 arbeiten wir in der Kontaktstelle Trauer der Caritas weiterhin in der Begleitung von trauernden Menschen, jetzt aber nicht in unseren Räumen am Stephansplatz, im Stadtzentrum Wiens, sondern wir sind von zu Hause aus für die Menschen da.

Vor ein paar Wochen noch konnten wir uns ihm Team nicht vorstellen mit trauernden Menschen nur über Telefon oder über PC in Kontakt zu sein und doch ist es jetzt ein wertvolles Medium.

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Wie ein trauernder Mann nach einer online Trauergruppe gesagt hat: „Es ist so schön, euch zumindest in dieser Form wieder zu sehen und mich mit euch in dieser schweren Zeit austauschen zu können, aber ich freue mich noch mehr, wenn wir uns real wiedersehen, also auf Dauer möchte ich es nicht so haben“.

Berührend ist vor allem, wie sich die trauernden Menschen gegenseitig stärken und auch Mut machen. Das sehen wir ja immer wieder in unseren „realen“ Trauergruppen, aber jetzt fällt es besonders stark auf.

Diese Krise, vor allem die Isolation, setzt vielen trauernden Menschen besonders zu. Hier wieder in Kontakt mit jemanden zu sein, der ein ähnliches Schicksal erlebt hat, ist sehr wertvoll.

Die virtuellen Trauergruppen sind etwas kleiner von der Anzahl der Teilnehmenden, daher ist ein sehr intensiver Austausch möglich und so erleben wir besonders berührende Gespräche.

Als Begleiterin ist es nicht immer einfach, vor allem, wenn es sehr tiefgehende Momente sind, diese Menschen nicht „real“ zu sehen. Immer wieder kommt das Gefühl, die Gruppe nicht so „halten zu können“, wie uns das wichtig ist. Auch das Aushalten von Stille, stellt übers Telefon oder auch online jetzt eine größere Herausforderung dar. Das gemeinsame Schweigen kommt in der Trauerbegleitung vor Ort - von Person zu Person – häufig vor. Bei der telefonischen Trauerbegleitung sehe ich mein Gegenüber nicht, da wird es schwieriger ein Schweigen einzuordnen.

Die Digitalisierung ermöglicht uns jetzt diese Form der Trauerbegleitung, die für viele sehr unterstützend ist, sie kann aber niemals diesen menschlichen, realen Kontakt ganz ersetzen.

Kathrin Unterhofer

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Vier Wochen Berlin

Weil wir bis zu den Sommerferien alle Seminare absagen mussten oder in den digitalen Raum verlegt haben, kann ich im Mai vier Wochen „Pflegeurlaub“ für meine Eltern nehmen. Ich fahre nach Berlin, um meinen Vater bei der Betreuung meiner demenzkranken Mutter zu unterstützen. Ohne Krise wäre das im Frühjahr sonst undenkbar, denn gerade der Mai gehört im Bildungsbereich zu den Spitzenzeiten.

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Ohne Krise wäre mein Vater aber auch nicht so bedürftig. Er ginge wöchentlich in die Chorprobe und könnte sich ab und zu mit ehemaligen Kollegen treffen. Zwei, drei Mal pro Woche würde ein Besuch in der Pizzeria oder im China-Restaurant meine Eltern von der täglichen Frage „Was kochen wir heute?“ entlasten. Der Sonntagabendgottesdienst in der Jesuitenkirche würde ins Wort bringen, was derzeit in der Luft liegt – kirchlich, gesellschaftlich, menschlich – und es mit Gottes Wort zusammenbringen. Tröstend wirkte die Stille und die Musik, die Verbundenheit mit den anderen Katholiken in der säkularen Großstadt.

In der Krise fahre ich am 2. Mai mit dem Zug nach Berlin und werde einfach dasein. Ich werde täglich gemeinsam mit meiner Mutter kochen und versuchen, sie nicht zu beschämen, wenn ihr wieder einmal etwas anbrennt oder sie das Rezept nicht mehr weiß. Ich werde lange Abende mit meinem Vater einfach im Wohnzimmer sitzen und zuhören, was er zu erzählen hat, von seinem neuen Alltag mit der Mama, über seine eigenen gesundheitlichen Sorgen, über Erinnerungen an früher und dass es kaum mehr jemanden gibt, mit dem er reden kann. Und dann werde ich immer mal wieder versuchen, mit ihm auch über mögliche Hilfestellungen zu sprechen. Denn meine vier Wochen in Berlin sind vermutlich auch wieder schnell vorbei…  

Ruth Pucher MC

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ACHTSAMER 8. Nachbarschaftshilfe in der Josefstadt

Eine alte Dame mit Vergesslichkeit geht zweimal am Tag außer Haus: nachmittags zum Spazieren, vormittags, immer zur gleichen Zeit, zum Einkaufen. Ihre besorgte Nichte hat vergeblich schon alles Mögliche versucht, um sie vom Einkaufen abzuhalten – Nachrichten an der Wohnungstüre, tägliche Anrufe, Wocheneinkäufe… Das Einkaufen ist ein Jahrzehnte altes Ritual.

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Im ACHTSAMEN 8. findet sich eine Nachbarin, die nun täglich rechtzeitig mit den benötigten Lebensmitteln vor der Türe steht. Mit Erfolg: Nicht nur, dass die alte Dame nun nicht mehr auf Einkaufstour geht, sie empfängt die Freiwillige aus der Josefstadt stets freudig an der Türe, was auch diese als Geschenk empfindet. So plaudern sie lächelnd und in sicherer Distanz jeden Tag einige Zeit miteinander. Und der Nichte am anderen Ende der Stadt erzählt die alte Dame oft am Telefon von der netten, verlässlichen Nachbarin.

Daniela Martos

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PLÄNE SCHMIEDEN EINER PFLEGEPERSON

Jetzt geht mir das Umarmen und Umarmt-Werden aber echt schon ein bisschen ab!
Daher habe ich einen perfiden Plan entwickelt:
Am Montag werde ich mich - wie vorgeschrieben - in der Schutzkleidung verstecken und eine Kollegin oder einen Kollegen, der das gleiche grade gemacht hat, umarmen! - NULL ANSTECKUNGSGEFAHR!
Egal, wer's ist, der mir dann gelegen kommt … Wir halten jetzt sowieso alle noch mehr zusammen als sonst!

Renate Pühringer

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BLUMEN …

… nehmen viele Besucher*innen ins Krankenhaus mit, wenn sie jemanden dort besuchen.
Derzeit stehen in den Patient*innenzimmern keine Blumen. Weil es an den Krankenhäusern Besuchsverbot gibt.
Wir bekommen jetzt viele Anrufe von Angehörigen, die sich nach ihren Lieben erkundigen.
Ich habe immer das Gefühl, dass sich auf das Gespräch vorbereitet wurde. Wann rufe ich am besten an? Was möchte ich fragen?

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Und wir versuchen umfassend (und unter Beachtung des Datenschutzes) zu informieren und die Situation des Patienten/der Patientin möglichst plastisch darzustellen.
Bis hierhin: Sachlichkeit.
Und dann kommt das Ende des Gespräch.

>>> Schwester, bekommt mein Vater das mit, wenn Sie ihm ausrichten, dass ich angerufen habe?
Ja, denn ich warte, bis der beste Zeitpunkt ist, um dem schwer kranken Vater zu sagen, dass die Tochter angerufen hat. Und wenn ich denke, er hat das noch nicht erfasst, dann sage ich es ihm später noch mal.

>>> Schwester, vergessen Sie eh nicht, dass Sie meiner Mutter ausrichten, dass ich ihr liebe Grüße schicke?
Nein, ich vergesse niemals, Grüße auszurichten. Wenn möglich tue ich das sofort. Und wenn aber grade keine Zeit ist, dann notiere ich mir das und hole das ganz sicher später nach.

>>> Schwester, können Sie ihm bitte sagen, dass wir alle, die gesamte Familie, in Gedanken IMMER an seiner Seite sind ...!?
Ja, das sage ich ihm. Und spätestens dann habe ich Tränen in den Augen und denke daran, wie schwer es für die Familien ist, ihre Angehörigen nicht besuchen zu können.

Und dann bin ich beim Patienten/der Patientin und versuche das Gefühl, welches mir am Telefon übermittelt wurde, bestmöglich zu transportieren. Liebevolle Grüße. Lustige, aufmunternde Botschaften. Stille Verbundenheit. Und dann kommt es oft auch wieder dazu, dass mir Tränen in die Augen steigen, wenn ich die Reaktionen der uns anvertrauten Menschen sehe ...
Ich versichere Euch, wir sorgen gut für Eure Menschen im Krankenhaus! Gerade jetzt.

Renate Pühringer

a4238

PFLEGEKRAFT. PFLEGE. KRAFT.

In meinem Krankenhaus hat die Führungscrew in den letzten Wochen unzählige Umstrukturierungs-Maßnahmen vorgenommen, um für den zu erwartenden Anstieg der Covid19-Patient*innen gerüstet zu sein. Alle Maßnahmen wurden in engster Kooperation mit allen Krankenhäusern Oberösterreichs gesetzt.

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Im Haus wurden in allen Stabstellen, Betrieben, Netzwerken, Abteilungen sämtliche Abläufe und Prozesse bis ins kleinste Detail durchleuchtet, geändert, immer wieder adaptiert, sodass wir nun genau wissen, wie wir zu arbeiten haben, um im Haus Infektionen mit SarsCoV-2 zu vermeiden. Wir schützen die Patient*innen und uns vor einer Übertragung des Corona-Virus.
Wir sind gerüstet.
Wir wissen, es wird heftig.
Wir halten zusammen. Mehr, als jemals zuvor.
Es ist nicht mehr die Ruhe vor dem Sturm.
Es kommt bereits Wind auf.
Die Wolken am Horizont kommen näher.
Es wird eine traurige Zeit für uns alle in Österreich werden.
Helfen wir zusammen, dass wir kein kollektives, nationales Trauma erleben.

Renate Pühringer

a4237

VERSTÄNDNIS

Liebe Menschen, die hier mitlesen!
Gerade war das in einer Diskussion Thema:
Dass manche ältere Menschen trotz Ausgangsbeschränkungen rausgehen, viel zu dicht aufrücken, z. B. bei der Kassa, sich unvernünftig verhalten - während die ganze sonstige Nation ihr Leben umkrempelt, um genau diese Menschen zu schützen.

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Ich verstehe es total, dass manche sich über dieses unvernünftige Verhalten ärgern.
Aus meiner Zeit in der Altenpflege weiß ich, dass es manchmal keinen Sinn macht, mit alten Menschen zu diskutieren. Genau so, wie manche junge Menschen sich unvernünftig verhalten, so gibt es das bei alten Menschen eben auch. Wenn auch vielleicht aus ein wenig anderen Motiven. Alte Menschen sind oft sehr in ihren Gewohnheiten gefangen. Und sie sind oft sehr einsam und viel alleine - auch schon vor den Ausgangsbeschränkungen. Die wollen einfach raus und unter die Leute.
Diese alten Menschen KÖNNEN teilweise ihre Gewohnheiten nicht mehr ändern oder können auch die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen der Regierung nicht mehr richtig einordnen.
Umso wichtiger ist es dann, dass wir vernünftig agieren.
Und cool bleiben.

Renate Pühringer

 

a4236

Der geniale Schoko-Muffin

Auf der Schlaganfall-Einheit.
In Zeiten von Corona.

Kürzlich ging es auf der Stroke Unit wieder hoch her. Einige neue Patient*innen wurden aufgenommen. Allesamt sehr alt, sehr schwer akut krank, nicht in der Lage zu sprechen, teilweise desorientiert.
Nur ein Patient sticht heraus. Jung, orientiert, nach einem kleinen cerebralen Ereignis wieder völlig fit. Und nierentransplantiert.

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Das Krankenhaus ist gerade jetzt für diesen Menschen ein Ort, an dem er nicht sein sollte. Die Medikamente, die er wegen der fremden Niere in seinem Körper einnehmen muss, setzen seinem Immunsystem zu und machen ihn empfänglicher für Infektionen aller Art.
Aber die Untersuchungen, die nötig sind um herauszufinden, warum er einen kleinen Schlaganfall hatte, müssen durchgezogen werden. So ist er an zwei meiner Dienst-Tage in der Stroke Unit mein Patient.

Am zweiten Tag meines Dienstes habe ich für die Kolleg*innen Schoko-Muffins mitgebracht. Weil das nicht nur in Zeiten von Corona und erhöhtem Arbeitsaufkommen und mehr Stress als sonst gut ist, mal kurz gemeinsam einen Kaffee zu trinken und gemeinsam was Süßes zu naschen.
Und weil der eine junge Patient in der Stroke Unit keinen Besuch erhalten darf. Und weil die Cafeteria im Krankenhaus wegen der notwendigen Überwachung der Vitalfuktionen für den Patienten "unerreichbar" ist. Und weil er den Stress und die Hektik auf der Stroke Unit so mitbekommt. Und weil er sich mit den anderen, so schwer beeinträchtigten Patient*innen nicht unterhalten kann. Und weil das alles wirklich nicht leicht ist, für ihn ...
… bekommt er von mir einen Schoko-Muffin.

Ich behaupte jetzt mal, der Schoko-Muffin bleibt ihm lange in Erinnerung. Nicht, weil der einen genialen, weichen Schoko-Kern hatte. Sondern weil der Schoko-Muffin so was "Normales" in einem so extremen Umfeld war.

Renate Pühringer

a4235

Gedanken zur sorgenden Gesellschaft

Liebe Freundinnen und Freunde aus dem Kardinal König Haus,
danke Euch für diese Initiative. Ganz spontan:

1. Meine Schlüsselerfahrungen in meinem Bereich sind die Unzahl an Menschen, die sofort bereit waren, etwas zu tun, auf die zu schauen, denen es schon vorher nicht gut gegangen ist. Es ging förmlich eine begeisterte Adrenalinwelle durch die Projekte. Lebensmittelausgabestellen wurden geschlossen und unter den neuen Bedingungen wieder eröffnet. Neue Freiwillige haben sich bereiterklärt, jene zu ersetzen, die nicht mehr helfen durften, da sie einer Risikogruppe angehören. Wärmestuben haben im Freien neuen Formen menschlicher Zuwendung kultiviert.

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2. Berührt haben mich die Selbstverständlichkeit, die Vielzahl an Engagierten, die Begeisterung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die unglaublich vielen neuen Ideen, der Wille etwas für andere zu tun, der soziale Zusammenhalt, der Humor, der bei allem da war und auch, dass es nicht einen Moment gab, in dem ich mir Sorgen um ein solidarisches Auseinanderbrechen unserer Gesellschaft machen musste. Erschüttert – ja, leider hat es auch das gegeben – hat mich die politische Entsolidarisierung im größeren Rahmen. Warum konnten wir Italien gegenüber nicht zumindest ein kleines Zeichen der Solidarität senden und wenigstens ein paar Kranke aufnehmen? Warum müssen die Länder immer gegeneinander ausgespielt werden? Warum müssen Politiker laufend betonen, wie viel besser sind als „die“ Italiener, Engländer, Schweden?

3. Wir brauche eine laute, breit getragene Diskussion um die Bedeutung der eigentlich systemrelevanten, gesellschaftserhaltenden Tätigkeiten. Wir brauchen ein Bewusstsein für den gewaltigen Wert, den die Rumänische Pflegerin, die Türkische Kassiererin, die Slowakische Krankenschwester, die Lehrerin in unsere Gesellschaft einbringt. Wir brauchen ein ehrliches Danke der Politik an diese (vor allem) Frauen, die schlecht bezahlt ihre Arbeit leisten; dieses Danke muss sich auch finanziell ausdrücken. Wir brauchen eine Entschuldigung jener Politiker, die diesen Frauen systematisch Sozialschmarotzerei unterstellt und ihnen etwa die Familienbeihilfe gekürzt haben. Wir brauchen ein gesellschaftliches Bewusstsein für den gegenüber Spitzenverdienern ungleich höheren social Return der Mitarbeiterinnen der sorgenden Gesellschaft.

Rainald Tippow

a4234

Abschied vom würdevollen Abschied? oder: Sicherheit über alles...

Meine Nachbarin berichtet. Ihre Tochter brach sich bei einer Kollision mit dem häuslichen Türstock die Zehe. Als sie vor der Corona bedingten Sicherheits-Eingangsschleuse vor dem Krankenhaus stehen, erleben sie einen Moment der Erleichterung und einen Moment der berührten Bedrücktheit. Erleichterung, da sie ihre Tochter begleiten dürfen. Sie ist noch nicht 14 Jahre alt.

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Wäre sie ein paar Monate älter gewesen, müssten die Eltern zusehen, wie sie von den in „Plastik gehüllten“, wegen der Gesichtsmasken Antlitz losen KH-Mitarbeiter*innen ins Innere des abgeschotteten Krankenhauses geleitet wird. Bedrücktheit und mitfühlende Traurigkeit bewegt die Familie, als sie 3 weinende und verzweifelte Frauen neben sich wahrnehmen. Der Vater der Familie ist gerade im Krankenhaus verstorben. Aus Corona-Sicherheitsgründen dürfen sie nicht gemeinsam reingehen, um Abschied zu nehmen. Wie viele Menschen sterben momentan einsam, Sicherheits isoliert, ohne körperlichen Kontakt ohne in ein menschliches Gesicht – ohne Maske - sehen zu können, auf Krankenhausstationen oder in abgeriegelten Pflegeheimen? Wie viele Menschen können nun von ihren Liebsten nicht Abschied nehmen am Ende des Lebens, für sie da sein, als Mensch, in Kontakt und mit Berührung? Legitimiert das Sicherheits- und Risikominimierungsverhalten die gesamtgesellschaftliche Verabschiedung von einem würdevollen Abschied Sterbender?

Sind Sicherheit und Würde hier einander ausschließend? Auf wieviel Menschlichkeit, soziale Beziehung und Berührung sind wir bereit zu verzichten, um die (scheinbar) totale Sicherheit zu erreichen, das Virus „in den Griff“ zu kriegen, es kriegerisch zu bekämpfen - rein rechnerisch – kontrollieren zu können? Ich habe keine Antworten auf diese Fragen, aber ich habe kein gutes Gefühl, wenn wir uns als Menschen und als Gesellschaft ausschließlich Richtung Sicherheit und Kontrolle bewegen, und der „gute Umgang“ mit Corona ausschließlich von den Virologen, Epidemiologen, Mathematikern und Statistikern definiert wird. Wo sind die anderen Stimmen und Wahrnehmungen des Lebens  …??

Klaus Wegleitner

a4233

Vom Lachen zum Weinen in vier Wochen

Die ersten vier Corona-Wochen haben mir erst besondere Nähe, dann Ärger und schließlich Grenzen erleben lassen.
Meine Freundin (75) betreute zu Hause seit längerem ihren fortgeschritten demenzerkrankten Partner (89).
Vor Corona war unser Kontakt eher lose, manchmal mit Treffen, unregelmäßigen Telefonaten und kleinen Whatsapp-Nachrichten.

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Zu Beginn der Distanz-Zeit hörte ich von ihr, dass sie alle (ohnehin spärlichen) Hilfsdienste, auch die ehrenamtlichen, stornierte, um das Ansteckungsrisiko zu senken. Die ohnehin sehr kleine Familie war weit weg, Nachbarn in die Landhäuser „geflohen.“
Also vereinbarten wird, dass ich sie täglich anrufe, um ihr einen Witz zu erzählen. Viele Tage brachte uns das beiden fröhliche, unbeschwerte Momente. Natürlich war auch Platz für ihre Erzählungen über die schwierige Betreuung, das Eingesperrtsein („dank“ Allergie konnte sie nicht mal den Balkon benutzen). Ich versuchte sie zu ermutigen, doch die Angehörigenberatung anzurufen.

Hier war die Schwelle, unbekannte Personen zu kontaktieren, aber höher als die vermutete Entlastung. Leider.
Schließlich zeigte sich eine rasche Verschlechterung im Gesundheitszustand des Partners. Er hörte auf zu sprechen, begann zu wandern und setze sich auch mal auf den Boden, um nicht mehr freiwillig aufzustehen. Die Rettung musste ihn schließlich ins Bett bringen. Als es auch mit dem Essen schwierig wurde, schlug ich palliative Begleitung vor. Ein Palliativmediziner kam, zog aber relativ unverrichteter Dinge wieder ab. Immerhin war somit klar: Es würde sich nur noch um Wochen, eher Tage handeln. Immerhin wurde die Heimhilfe wieder aktiviert, sie kam 2x täglich, allerdings nur für Haushaltshilfe. Und natürlich zur psychischen Entlastung. Ich versuchte, ein mobiles Hospizteam zu arrangieren. Irgendwie scheiterte das, es war nicht so recht festzumachen, wer hier welche Schritte hätte setzen müssen.

Mir war zu diesem Zeitpunkt vor allem wichtig, dass meine Freundin, die noch im Trauerprozess für ihre Mutter steckte, begleitet wurde, wenn auch nur am Telefon. Kompetente Ansprechpersonen für die Vorbereitung auf den Abschied hätte ich mir für sie sehr gewünscht.
Ich fühlte mich relativ hilflos, die Art unserer Beziehung ließ es nicht zu, die wirklich letzten Dinge zu besprechen, mir gegenüber musste sie die Starke bleiben. Schließlich hörte der Partner auf zu trinken. Der Karfreitag in Corona-Zeiten war vermutlich einer der historisch ungünstigsten Momente für diese Etappe. Der Palliativmediziner meinte, an diesem Tag wäre nichts zu arrangieren, er könnte am Dienstag kommen, so bis dahin nicht schon der Tod eingetreten sei. Mein Ärger und mein Frust, ihn als Stütze in dieser Zeit empfohlen zu haben, war ziemlich massiv. Immer noch gab es keinen Pflegedienst, die zuständige Stelle im Land meldete sich erst nach 24 Stunden. Dann allerdings war rasch Pflege im Haus – aber noch immer keine Palliativdienste. Am Ostermontag verstarb der Partner schließlich, es war möglich, dass er bis zuletzt Zuhause bleiben konnte. Während ich noch überlegte, ob ich die Isolation durchbrechen und meine Freundin in den Arm schließen sollte (das war eigentlich eh gar keine wirkliche Frage), kam ihre Schwester und nahm sie zu sich nach Hause. Bei aller Erleichterung zeigte sich dadurch doch auch, dass ich als Nicht-Familien-Mitglied in dieser Situation periphär blieb. Beten, Gesprächsangebote blieben mir noch.
Und der wirklich sehr große Frust darüber, dass es mir als Mitarbeiterin in einer Palliative Care-Abteilung in einem Bildungshaus trotz aller Kontakte, allen Wissens nicht gelungen ist, hospizliche Begleitung zu organisieren. Dass Experten, die ich hoch geschätzt hatte, sich als wenig hilfreich erwiesen sondern eher noch für Ärger sorgten.

Mein Fazit aus dem Prozess ist, dass man gar nie früh genug beginnen kann, das Ende durchzudenken. Dass Beratungsangebote nicht ankommen, wenn die Überlastung schon zu groß ist – weil das Reden als zu wenig erscheint („Das sind ja keine Ärzte, was können die mir schon sagen.“).
Dass es für Laien ein reines Lotteriespiel ist, wie sie begleitet werden. Dass auch wir mit unseren tollen Kontakten und unserem Wissen an ungünstigen Gemengelagen (Ostern, Freitag, Corona) kläglich scheitern. Und dass in extremis die Familie unschlagbar bleibt. Und dass „Zu Hause bis zuletzt“ ein unvorstellbar großer Auftrag ist, den man sich selbst und seinem Partner nur mit allergrößter Vorsicht versprechen sollte.

Petra Rösler

a4241

Wir dürfen...

uns in einer nicht vorhersehbaren Situation wiederfinden. So wie Menschen die plötzlich eine Diagnose erhalten die sie vielleicht erahnt haben und nun bestätigt bekommen.

Wir dürfen uns mit Verlust, Isolation, Verunsicherung, mit uns selbst auseinnander setzen.

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Wir dürfen erleben wie es sich anfühlt wenn wir mit etwas konfrontiert sind, dass wir nicht in der Hand haben. Und uns auf das verlassen müssen, was uns andere vorschlagen und meinen, das es gut für uns ist.

Wir dürfen erfahren wie es sich anfühlt wenn wir nicht mehr so mobil sein können wie wir es gerne sein wollten.

Wie es ist, wenn wir Dinge hören die uns vielleicht überfordern weil wir nicht so ganz verstehen was, dass alles mit uns zu tun hat.

Wir dürfen wahrnehmen und spühren wie sich Ausgeliefert sein, Verzweiflung, Trauer, Wut, Ohnmacht, Ungewissheit, Rebellion und sich in die Situation ergeben anfühlen.

Wir dürfen erleben wie es sich anspührt sich in einem Wechselbad der Gefühle zu befinden, ausgelöst durch unterschiedliche Meinungen, Berichten von anderen, denen es besser oder schlechter geht als uns.

Wir dürfen erleben wie es ist, etwas nicht machen zu können auf das wir uns gefreut haben. Wie es ist wenn Menschen plötzlich Abstand zu uns halten und ausweichen.

Wir dürfen erfahren wie wichtig uns persöhnlicher Kontakt ist und das Telefonate, Skyp oder was auch immer diesen nicht ersetzen kann.

Wir dürfen aber auch lernen, das wir durch all diese Einschränkungen innerlich wachsen, dass Veränderung immer ist, wir uns selbst näher kommen, wir bei all der Verunsicherung Spezialisten für uns selbst sind.

Wir lernen was uns gut tut und was wir getrost auslassen können.

Und wir lernen was trotzdem und gerade deshalb geht.

Gabriele Skol

a4229

Wir üben also weltweit den sozialen Rückzug und sind aufgefordert...

das Haus oder die Wohnung nur mehr für das Einkaufen, jemanden zu helfen oder sich die Beine zu vertreten zu verlassen.
Für meinen Mann und mich ist nicht viel anders als sonst.
Mein Mann ist Rollstuhlnutzer seitdem ich ihn kenne. Als Paar zusammen sind wir seit 12 Jahren und verheiratet seit 3 Jahren. Er befindet sich in Pflegestufe 7 und ist auf Unterstützung in allen Lebenssituationen angewiesen. Kommunikation ist wenig möglich und beschränkt sich weitgehend auf Fragen meinerseits und Ja und Nein seinerseits.

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An Wocheneden sind Besuche oder Unternehmungen mit Freunden oder Familie nicht an der Tagesordnung. Die Menschen die ich früher als meine Freunde bezeichnet hatte haben sich zurückgezogen und Menschen die neu in unser Leben treten wagen es erst gar nicht sich einzulassen.

Wer setzt sich schon gerne mit seinem Unvermögen, mit seiner Hilflosigkeit, mit seinen Schwächen, mit seiner Bedürftigkeit auseinander. All das sind Themen die, wenn man meinem Mann begegnet auftauchen.
Wer ist bereit sein Ego aufgeben, verzichten, immer da sein, sich ausschließlich auf einen Menschen zu konzentrieren, nicht machen können was man will. All das taucht auf, wenn man mir als pflegende Angehörigen begegnet.
Wie soll Partnerschaft gehen, wenn ein Teil davon scheinbar sehr bedürftig ist? Was kann ein so bedürftiger Partner zu einer Partnerschaft beitragen. Rollenbilder, Stellenwert und Gesellschaftsdruck, all das taucht auf, wenn man uns als Paar begegnet.

Gleiches gilt bei Konzert-, Kino.- oder Theaterbesuche für uns.
So üben wir den sozialen Rückzug seit 13 Jahren ob mit oder ohne Corona.
Wir sind mit uns, so wie jetzt auch! Eigentlich bin ich ruhiger als sonst, weil sich keine innere Stimme einschleicht, die mir zuflüstert, dieses oder jenes doch zu tun oder erleben zu müssen. Weil es eben nichts zu erleben gibt, außer zu Hause zu bleiben und sich selbst aushalten.

Manchmal ertappe ich mich, dass sich Unverständnis bei mir breit macht, wenn ich all die Berichte im Fernsehen höre oder in der Zeitung lese wo Menschen die Decke auf den Kopf fällt, weil sie es nicht mehr zu Hause aushalten und immer dieselben Menschen um sich haben. Dabei sind doch alle Wohnungen mit tollen Möbeln ausgestattet, die man sich selbst ausgesucht hat, ganz nach eigenem Geschmack und Vorstellungen.
Das gleiche gilt für den Partner oder die Partnerin. Die Kinder, die man so liebt, hält man da nicht mehr aus und muss raus und braucht Rückzug, Raum für sich und Freunde

Mein Mann besucht sonst eine Tagesstruktur in Wien, die vom FSW gefördert wird und ich arbeite für 19 in der Woche in einer basalen Tagestätte in einer anderen Organisation. Jetzt verbringen wir 24 Stunden miteinander und das seit nunmehr 6 Wochen. Ich gehe einmal die Woche einkaufen, Zwei Mal waren wir in dieser Zeit spazieren und, es ist gut.
Ich sitze neben dem Menschen, den ich liebe und von dem ich das Gefühl vermittelt bekomme, das auch ich geliebt werde. Mir ist es egal was sich da sonst noch rundherum abspielt. Was wichtig ist? Das zusammen sein! Egal wo, ob im Wohnzimmer oder am Krankenhausbett, auf der Terrasse oder am Strand, im Kino oder vor dem Fernseher. Was gilt ist die Zeit, die wir miteinander verbringen, denn die wird eine endliche sein. Wichtig ist, was wir daraus machen und das ist unsere Entscheidung und nicht abhängig von äußeren Umständen.
Wir dürfen uns durch die Maßnahmen der Regierung einmalmehr in Gelassenheit, Annehmen und Miteinander üben.
Am meisten übe ich, es mit mir selbst auszuhalten und mich besser und besser kennen zu lernen und zu mögen.
Mein Mann hat mir darin einen großen Vorsprung und ist mir einiges voraus. Übt er doch seit 32 Jahren die soziale Isolation und den Rückzug mit sich selbst.

Ich weine viel. Wegen allem möglichen schießen mir die Tränen ein. Ich bin berührt von vielem, dem Guten wie dem weniger Guten. Am meisten bin ich berührt wegen alltäglichen in meinem Umfeld.
Wenn ich über die kleine Brücke gehe, die über einen künstlich angelegten Teich, gleich in der Nähe ist und mein Blick auf das Wasser fällt.
Das wunderschön blühende Unkraut vor unserer Terrasse. Die Danksagungen in den Medien. Die vielen Toten auf der ganzen Welt, ….
Bei einem der kurzen Spaziergänge, hat mein Mann, der sonst nicht viel von sich aus spricht, plötzlich "Schön ist das!", gesagt. "Was?" habe ich gefragt. "ALLES!", war seine Antwort. Dann rinnen schon wieder die Tränen, denn Recht hat er. SCHÖN IST ES!
Schön ist es, wenn ich es schaffe in meiner Mitte zu bleiben um das was da ist wahrzunehmen. Schön ist es im Jetzt zu sein und all das, was sich sonst noch ereignet weg zu lassen.

Ich sehe diese Zeit als Klausur mit mir, um am Ende gestärkt, bewusster und liebevoller heraus zu gehen.
Ich habe in den letzten Tagen ein Buch von Ken WILBER gelesen. Darin beschreibt er das Leben mit seiner Frau, die an Krebs erkrankt und nach fünf Jahren stirbt. Beide sind sehr spirituell interessierte Menschen.
Er beschreibt darin das er erst dann gut mit der Situation zurechtgekommen ist, als er für sich begriffen hat das es drum geht mit Hingabe und aus vollem Herzen zu dienen. Dass es seine Entscheidung ist in der speziellen Situation zu sein.
Dies versuche ich einmal mehr und zu üben.
Ich übe das schon länger, manchmal vergesse ich darauf dann wird es auch oft ansträngend und ich hadere mit der Situation, in der ich gerade stecke. Wenn ich mich im Dienen übe dann wird und ist es ganz leicht und ich darf erleben das Dienen nicht klein macht.
Es hebt hoch, den anderen und in Folge auch mich.
Dies gilt es für mich zu Üben ob mit oder ohne Corona und egal in welcher Lebenssituation.

Ich verbringe den Alltag mit Haushalt, Fernsehen, Lesen, Häkeln und Stricken.
Führe im Allgemeinen ein sehr biederes Hausfrauenleben was in Zeiten außerhalb von Corona keinen großen Stellenwert hat und auch nichts Spezielles mit der Situation mit mir als pflegende Angehörige zu tun hat. Trotzdem freut es mich, dass diese Haltung eine Renaissance erfährt und das wertvolle darin erlebt werden darf.

Die Tage vergehen mir erstaunlicherweise schnell. Mittlerweile ist die gesamte Restwolle auf gestrickt und auf gehäkelt und ich habe mir schon überlegt wie ich zu neuer Wolle komme.
Und da, nach Ostern sperren die kleinen Geschäfte wieder auf und ich kann Nachschub besorgen.
Das Häkeln war ein Prozess! Erst wollte ich einen Poncho häkeln, nach mehr maligen Auftrennen ist es dann ein Teppich für die Küche geworden. Den Poncho habe ich dann inklusiven Pulswärmern erfolgreich gestrickt. Danach habe ich ein Coronaschultertuch gehäkelt und jetzt gibt es nicht einmal mehr Reste zu Hause. Auch hierbei musste ich mehrmals häkeln, auftrennen, häkeln, auftrennen, häkeln usw. und aus zwei eins machen, was wiederum auftrennen und häkeln bedeutet hat. Ich habe mich nicht einmal geärgert.
„Passt zur Zeit,“ habe ich mir gedacht, „aus bestehendem Neues machen, das wiederum überdenken und wieder anders und noch einmal von vorne beginnen um etwas zu finden mit dem man in dieser Situation zufrieden sein kann.“
Es liegt in meiner Verantwortung das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen. Denn jede Entscheidung für etwas ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen vieles andere das Möglich währe.

Ich habe Glück in dieser Situation, wir sitzen gemeinsam in unserer Wohnung mit einer kleinen Terrasse und Gebüsch rundherum und können diese nutzen wie es gut für uns ist.
Oft denke ich an die, die nicht miteinander sein können. Die in einem Krankenhaus sind und seit Wochen keinen Besuch erhalten dürfen. An die, die ihre Angehörigen und Freunde nicht besuchen dürfen. Meinen Mann über Wochen nicht besuchen zu können ist für mich eine Situation, die ich mir nicht vorstellen kann.

Mein Leben ist nicht viel anders als das von so vielen in der gegenwärtigen Corona- Situation. Ich bin jetzt eine von Vielen. In den sozialen Rückzug zurückgeworfen auf mich und meinen Partner. Das Zusammenleben üben und annehmend.
Vielleicht ist sie doch anders, ich weiß das ich meine Zeit mit einem Menschen verbringe, der mich Sein lässt, so wie ich bin. Mit all meinen Unzulänglichkeiten fühle ich mich neben ihm angenommen und wert da zu sein.

Ich wünsche allen, dass sie solch eine unvoreingenommene Liebe erleben dürfen
und gestärkt aus der gegenwertigen Situation treten können.

Gabriele Skol

 
 
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Alle Informationen zur Aktion:

https://www.kardinal-koenig-haus.at/media/careundcorona_aufruf_160420_b.pdf
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Eine gemeinsame Aktion mit:  

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http://www.sorgenetz.at/
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In Kooperation mit:  

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http://www.hospiz-tirol.at
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http://www.hospizakademie-nuernberg.de
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http://www.styriavitalis.at
a4344
http://lebensgeschichten.univie.ac.at
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https://www.hospiz-veronika.de/
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https://pastoraltheologie.uni-graz.at/de/
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https://www.gundeli-koordination.ch
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https://www.malteser.de/hospizarbeit
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https://www.katholische-akademie-berlin.de/