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Care & Corona

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Schreibaufruf #2

Wir – Verein Sorgenetz und das Kardinal König Haus – haben mit Beginn der Corona Pandemie den Schreibaufruf „Care und Corona“ initiiert. Die eingegangenen Geschichten sind unter Schreibaufruf #1 gesammelt nachlesbar.

Die Pandemie ist jedoch nicht vorbei, Erkenntnisse sind gewachsen – und vor allem: Gegenwärtig ist spürbar, dass die sogenannte „zweite Welle“ anders wird. Wir wollen mit der „zweiten Schreib-Welle“

  • den Fokus auf den Bereich Hospiz, Palliative Care, Demenz setzen
  • stärker ethische Grundfragen und Spannungsfelder fokussieren.

An dieser Stelle sammeln wir in den nächsten Wochen und Monaten wieder alle eingereichten Beiträge, die uns über careundcorona@kardinal-koenig-haus.at erreichen.
Wir freuen uns jetzt schon über Ihre Beteiligung!

Nadja Sattmann, Pädagogin und Programmassistentin, Kardinal König Haus
Klaus Wegleitner, Assoc. Prof. Universität Graz, Obmann Verein Sorgenetz
Patrick Schuchter, stv. Leiter Hospiz, Palliative Care, Demenz, Kardinal König Haus, wiss. Mitarbeiter Universität Graz

Alle Infos zur Aktion:

PDF-Datei: Schreibaufruf #2

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Meine Erfahrung als Osteopathin in der zweiten Welle

Gut sind wir über den Sommer gekommen, haben wieder ein bißchen vom Leben kosten können, aber spätestens im September wurde klar, so kann es nicht weitergehen, wir werden wieder achtsamer sein müssen im Umgang miteinander, achtsamer im „Nicht- begegnen“.

In der ersten Welle hatte ich große Sorgen, wie ich als Osteopathin überhaupt sinnvoll arbeiten kann, wie damit umgehen, dass Berührung „gefährlich“ ist. Ich habe mich mit der Situation gut arrangiert, ich konnte sogar ohne Handschuhe
arbeiten. Im Sommer, als wir immer mit offenem Fenster arbeiten konnten, habe ich für das Anamnesegespräch sogar den Mund Nasenschutz durch ein Schutzschild ersetzt, damit mich die neuen PatientInnen zumindest einmal real
sehen können. Das war entspannend, hat einen guten Rhythmus in die Behandlungssituation gebracht, eine Art Normalität.

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Nun gilt es wieder, unter verschäften Sicherheitsmaßnahmen zu arbeiten. Seit September arbeite ich wieder mit ffp2 Maske. Davor hat mir gegraut, weil ich mich noch an den Sauerstoffmangel im Frühjahr erinnere, an die dunklen Ringe
unter meinen Augen, an das Nach Luft schnappen in den Behandlungspausen.
Jetzt ist es wieder soweit.
Ich verberge mein Gesicht hinter dem weißen Ungetüm, auch neue Patientinnen bekommen mich nur so zu Gesicht, mein ganzes Gesicht können sie nur auf der Hompage sehen und auch das ist nicht ganz real, ist doch das Foto schon recht alt…

Ich ärgere mich über PatientInnen, die die Maskenpflicht sehr locker nehmen, eine schlabberige Maske tragen, die bis zum Mund hinunterrutscht und verstimmt reagieren, wenn ich sie bitte, einen korrekten Mund Nasenschutz zu tragen oder schnupfende PatientInnen, die erstaunt reagieren, wenn ich sie darauf aufmerksam mache, dass sie in so einer Situation lieber nicht zur Behandlung kommen sollten. Ich frage mich, ob ihnen bewußt ist, dass die Schutzmaßnahmen zum Schutz der anderen gedacht sind? Ist ihnen bewußt, dass sie mich in eine schwierige Situation bringen, wenn sie die
Schutzmaßnahmen „locker“ nehmen?

Wenn ich am Kopfbereich meiner Patientinnen arbeite, lege ich Gummihandschuhe an und trage noch zusätzlich zur ffp2 Maske ein Schutzschild. Darunter ist es dann wirklich schwer, Luft zu bekommen. Ich bin froh, wenn ich das wieder ablegen kann und denke an Intensivpflegerinnen, die das viele Stunden lang aushalten müssen. Ich achte wieder besonders genau auf die Hygienemaßnahmen, meine Hände sind wund vom ständigen Waschen und Desinfizieren. Daheim trage ich dann stündlich Handcreme auf die gereizte Haut der Hände auf, ich betrachte meine Hände, sie wirken gealtert, spröde, sind da jetzt mehr Altersflecken? Ich gehe oft Laufen, da atme ich tief durch, manchmal dauert es lange, bis sich meine Lungen daran gewöhnen, sich ganz zu entfalten und nicht nur oberflächlich Luft ein und ausströmen zu lassen.

Ich merke, wie unrund ich bin, wenn ich abends lange arbeite und nach der Arbeit direkt nach Hause in den lockdown gehe. Es fehlt mir Frischluft, es fehlt mir Weite, es fehlt mir der Ausgleich für das Eingeengt sein in der Maske, es
fehlen mir die unbeschwerten sozialen Kontakte. Ich schlafe unruhig und hab auch in der Nacht ständig das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen. Jetzt im November merke ich erstmals, dass zunehmend Patientinnen absagen,
weil sie Kontaktpersonen waren, in Quarantäne sind oder momentan lieber nicht mit den Öffis fahren wollen. Ich verstehe das sehr gut und etwas längere Pausen zwischen den Therapien tun mir eh gut. Erstaunlicherweise sind es aber nicht die älteren PatientInnen, die absagen. Bei ihnen habe ich eher das Gefühl, das sie heilfroh sind, kommen zu können.

Und ich bemerke trotz allem, wie froh ich bin, arbeiten zu können im Unterschied zum ersten Lockdown. Es tut so gut, mit Menschen körperlich in Kontakt sein zu können, ich bin sehr froh über meinen Beruf. Jetzt, wo ich als therapeutisch tätiger Mensch seit 8 Monaten in dieser veränderten Situation arbeite, ist mir noch deutlicher bewusst, wie wichtig es
ist, auf mich zu achten. Es ist anstrengend, so zu arbeiten und es braucht genügend Zeit und Raum zum Auftanken.
Es ist mir auch bewußt geworden, wie wichtig es ist, achtsam miteinander umzugehen und dass auch ich als Therapeutin Achtsamkeit von meinen Patientinnen erwarten darf. Wenn ich spüre, dass auch sie auf mich„aufpassen“, indem sie die Schutzmaßnahmen einhalten, können wir in der Behandlung trotz der schwierigen Rahmenbedingungen in einen guten Kontakt kommen.

In meiner Erfahrung sind es nicht so sehr meine älteren PatienInnen, die unter der Situation leiden. Am meisten sind es junge Menschen in schwierigen Lebenssituationen, die durch die momentane Situation an ihre Grenzen der
Resilienz geraten. Eine alleinerziehende junge Witwe, die in der sozialen Isolation an die Grenzen des Machbaren gerät, wenn ihr 5 jähriger Sohn wegen einer Erkältung vom Kindergarten nach Hause geschickt wird. Ihr biete ich jetzt online Sitzungen an, um sie mit angeleiteten Übungen in ihrer körperlichen Selbstregulation zu unterstützen.

Ich erlebe auch, dass Menschen, die aufgrund von schweren Erkrankungen schon Extremsituationen erlebt haben, mit der momentanen Situation relativ gut zurechtkommen. Eine Patientin, die eine Krebserkrankung hinter sich hat, meinte, sie habe es schon einmal erlebt, dass von einem Tag auf den anderen das Leben völlig verändert ist, sie könne damit jetzt gut umgehen. Besonders schwer ist es für Menschen, die Angehörige von Palliativpatienten sind. Ich betreue einen Mann, der seine sterbende Frau begleitet und selbst unter starken körperlichen Stress-Symptomen leidet. Er traut sich momentan natürlich nicht mehr zu mir zu kommen, um seine Frau nicht noch zusätzlich zu gefährden, obwohl er eine osteopathische Behandlung dringend brauchen würde...

Regina Novy

 
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Alle Informationen zur Aktion:

https://www.kardinal-koenig-haus.at/media/schreibaufruf_phase_2_c_kw_angen.pdf
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Eine gemeinsame Aktion mit:  

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http://www.sorgenetz.at/
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In Kooperation mit:

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http://www.hospiz-tirol.at
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http://www.hospizakademie-nuernberg.de
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http://www.styriavitalis.at
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http://lebensgeschichten.univie.ac.at
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https://www.hospiz-veronika.de/
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https://pastoraltheologie.uni-graz.at/de/
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https://www.gundeli-koordination.ch
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https://www.malteser.de/hospizarbeit
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https://www.katholische-akademie-berlin.de/