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2021

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Tiefe und Weite

Georg Nuhsbaumer

Georg Nuhsbaumer

Glaube als Kraftquelle

Kraftquellen für das persönliche Leben gibt es viele. Ich weiß, dass mich der Blick von einem Berggipfel bei einer Tour am Wochenende durch so manche anstrengende Woche tragen kann, dass ich nach zwei Stunden Sport besser schlafe und mehr Energie für den nächsten Tag habe, dass mich ein Abend mit einem Freund und guten Gesprächen einige Zeit erfüllen kann oder ein gutes Buch oder eine Theater- oder Opernaufführung inspiriert. Mein Glaube als Kraftquelle ist dabei noch einmal anders.

Bei der Zusage, darüber zu schreiben, habe ich gezögert. Wenn, dann wollte ich keine allgemeinen theologischen Aussagen machen, die mir oft wenig hilfreich erscheinen, sondern persönlich davon sprechen. Mein persönlicher Glaube ist aber etwas fast Intimes. Auch als Theologe fällt es mir nicht leicht darüber zu schreiben. Menschen, die das freimütig tun, begegne ich selbst immer mit einem gewissen Vorbehalt. Will ich etwas von meiner persönlichen Glaubenspraxis preisgeben? Finde ich die richtigen Worte, die das verständlich machen, was mich bewegt? Laufe ich dabei Gefahr, etwas Wertvolles in mir zu entzaubern, indem ich es öffentlich mache? Diese und ähnliche Fragen gingen mir durch den Kopf, bevor ich mich doch dazu entschlossen habe. Ich habe es vor allem deshalb getan, weil ich darin die Möglichkeit gesehen habe, das Thema für mich selbst zu reflektieren.

Glaube mehr als eine Kraftquelle
Wenn Glaube das Leben in einer Beziehung zu Gott meint, dann ist Glaube mehr als eine Kraftquelle. Es geht nicht darum, Glauben zu reduzieren oder zu instrumentalisieren. Wir alle kennen den heutigen Zeitgeist, wo für viele Menschen Meditation eher nur ein weiteres Tool zur Selbstoptimierung zu sein scheint. Glaube, Gebetsleben oder spirituelle Praxis sind aber kein Automatismus der zu persönlicher Energie führt. Gott ist unverfügbar und Glaube ist nicht immer eine Kraftquelle. Die Erzählung vieler Heiliger beschreibt, dass auch sie die Erfahrung seelischer Trockenheit und Gottverlassenheit kennen. Mich selbst fordert die Begegnung mit Gott immer wieder heraus, weil sie mich in Frage stellt. Manchmal kostet mich das Überwindung. Denn Glauben verlangt von mir zu vertrauen. Wie aber erlebe ich Glauben konkret als Kraftquelle in meinem Alltag?

Unterbrechung
Von dem katholischen Theologen Johann Baptist Metz (1928-2019) stammt die wahrscheinlich „Kürzeste Definition von Religion: Unterbrechung“.  Er meint damit die irritierende Unterbrechung des Faktischen. Ich erlebe das so. Ohne Unterbrechung kommt die Tiefendimension des Lebens nicht ins Spiel. Ich sehne mich aber nach Tiefe, weil ich weiß, dass es das ist, was mich eigentlich trägt. Der frühere Generalobere der Jesuiten P. Adolfo Nicolas SJ hat davon gesprochen, dass wir die Globalisierung der Oberflächlichkeit erleben. Unterbrechen kann dabei so etwas wie eine Tiefenbohrung sein.

Persönlich erlebe ich verschiedene Formen von Unterbrechung täglich, wöchentlich oder einmal im Jahr als hilfreich: Wenn ich in der Früh schaffe 10 bis 20 Minuten auf meinem Meditationsplatz Stille zu halten, wird der Tag anders. Und gerade an Tagen oder in Zeiten, wo mir das nicht gelingt, weil ich meine „das geht sich heute nicht aus“, würde ich es eigentlich besonders brauchen. Der Sonntag – in der Tradition des Shabbat – kann für mich wirklich zur Quelle werden. Habe ich Zeit für den Gottesdienst, für Gespräche für Ruhe oder verplane ich auch diesen Tag? Im Sommer ziehe ich mich eine Woche zu Exerzitien im Schweigen zurück: nichts lesen, keine E-Mails, kein Handy, mehrmals täglich Bibelbetrachtung und Gebet.

Aber auch zwischendurch entdecke ich manchmal Momente als Gelegenheit zur Unterbrechung: das Warten auf die U-Bahn oder an der Ampel, im Wartezimmer beim Arzt, bis der Kaffee fertig ist. Die größte Gefahr für Momente und Zeiten der Unterbrechung ist für mich in den letzten Jahren mein Smartphone geworden. Statt Unterbrechung und Tiefe verleitet es mich zur Zerstreuung. Als Kraftquelle erlebe ich das dann selten.

Dankbarkeit
Ignatius von Loyola (1491-1556), der Gründer des Jesuitenordens, war ein Kenner der menschlichen Seele. Für den täglichen Tagesrückblick weist er seine Mitbrüder an, immer bei dem zu beginnen, wofür man dankbar ist und dann erst auf das zu schauen, was einen unversöhnt zurücklässt.

Persönlich erlebe ich diese Übung in mehrfacherweise wirklich als Übung. Ich muss lernen und zulassen, dass ich meine echten inneren Bewegungen spüre und sie mir bewusst mache. In der täglichen Wiederholung habe ich die Gelegenheit meinen Blick und meine Aufmerksamkeit zu trainieren, auf all das Gute und das Empfangene in meinem Leben zu achten. Dieses „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ ist für mich eine Quelle von Kraft und Zuversicht, die mich auch Dinge und Zeiten aushalten lässt.

Jesus Christus
Eine dritte Form, in der ich Glaube als Kraftquelle erlebe, klingt mir selbst fast als zu fromm. Auf Jesus Christus zu schauen gibt mir Kraft. Im Lesen und Meditieren einer Bibelstelle kann ich mich mit seinem „Mindset“ vertraut machen. Es inspiriert mich, immer mehr zu verstehen, wie er denkt, redet, und handelt. Und ich kann ihn mir darin zum Vorbild nehmen. „Imitatio Christi“ – die Nachahmung Christi – als eine Lebensweise ermutigt mich immer wieder, Dinge zu tun oder auf eine Weise zu tun, die ich sonst nicht so machen würde. Die Kraft dazu gibt mir das Beispiel von Jesus. Es ist für mich aber auch Kraftquelle, in der Stille einfach seine Freundschaft zu genießen.

Glaube mehr als individuelle Spiritualität
Glaube als Kraftquelle zu erleben, ist persönlich und damit meine Verantwortung diese zu pflegen. Für christliche Spiritualität ist aber die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft aller Gläubigen und die Gemeinsamkeit aller Menschen konstitutiv. Die Erfahrung von gelebter Gemeinschaft kann selbst zu einer Quelle von Kraft des Glaubens werden. Sie wird dadurch aber auch eine Quelle mit großem Horizont und lässt mich Gottes Wirken nicht nur hier und jetzt für mich sehen, sondern in Jahrtausende alter Tradition: Geschichte und Perspektive auf eine Zukunft hin für alle Menschen und die Welt als Ganzes. Die Kraftquelle Glaube hat damit beides: Tiefe und Weite.

Georg Nuhsbaumer
Theologe und Organisationsentwickler
Leiter der Bereichs Christlich inspirierte Führung und Organisationskultur im Kardinal König Haus

Georg Nuhsbaumer

Georg Nuhsbaumer

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BUCH DES MONATS: August

Harald Welzer: "Alles könnte anders sein"

Es gibt ja nicht so wenige gut-informierte „Nachhaltigkeitsbücher“. Aber Harald Welzers „Alles könnte anders sein“ ragt für mich heraus. Ich schätze den direkten Tonfall. Aber vor allem zwei Leitgedanken finde ich zukunftsweisend. Erstens, die Einsicht, dass wir als Gesellschaft nicht wenig in „gelebten Illusionen“ leben. Beispielsweise in der Illusion, dass wirtschaftliches Wachstum notwendig sei. Diese Orientierung gehört heute zur geistigen Infrastruktur unserer Gesellschaften. Aber im Detail ist erwiesen, dass ab einem gewissen Niveau Wachstum nicht mehr Glück bringt, aber den Planeten zerstört, die Armen ärmer und die Reichen reicher macht und kein Fundament für die Demokratie ist.
Schon Erich Fromm hatte in seinem Buch „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ von der Pathologie der Normalität geredet – und festgestellt: „ [...] genau so wie es eine folie à deux gibt, gibt es auch eine folie à millions.“ Harald Welzer entfaltet das im Detail für unsere Gegenwart.

Der zweite zukunftsweisende Gedanke ist mit dem schwierigen Wort „Heterotopien“ bezeichnet. Da die große Utopie, aber auch die individuelle Konsummoral nicht ausreichen oder realistisch sind, brauchen wir die Erfahrung an „Anders-Orten“, an denen wir Lebensformen kennen lernen, die nicht auf Kosten anderer und der Umwelt gehen und gleichzeitig Wohlstand, Glück und Sinn in „unerhörter“ Weise verwirklichen.

Hier gibt es von der ökologischen Debatte für eine neue Lebenskunst eigentlich viele Brücken zur „Haltung“ und Kultur in der Hospizarbeit – aber diese Brücken müssen wir noch mehr und sichtbarer bauen. Auch Hospize sind besondere, „andere“ Orte, an denen etwas erfahrbar wird, was man so nicht vermutet hätte. Das Verbindende ist, dass mit der gelebten Einsicht in die Endlichkeit und Verletzlichkeit des Lebens kein „Verzicht“ im banalen und schlechten Sinn verbunden ist, sondern wahrer Reichtum für Seele und Gesellschaft entsteht.

Es freut mich, dass wir am Kardinal König Haus mit den Lehrgängen „Wege aus der Einsamkeit“, „Spiritual Care Competency“ und als Kooperationspartner mit dem „Internationalen Lehrgang Caring Communities“ an solchen „innehaltenden Differenzen“ und Brücken in eine soziale und nachhaltige Gesellschaft mitbauen. Besonders freue ich mich in dem Zusammenhang auch auf Harald Welzers Beitrag beim Tag der Wirksamkeit am 8. November und auf sein neues Buch „Nachruf auf mich selbst“.

Patrick Schuchter, Bereichsleiter für Hospiz, Palliative Care & Demenz, hat für uns das Buch gelesen und empfohlen.

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Ignatiusfest

Am 31. Juli feierten die Jesuiten in Wien mit zahlreichen Freund*innen das Fest des Hl. Ignatius von Loyola. Superior P. Markus Inama SJ zelebrierte in der Konzilsgedächtniskirche in Lainz die Eucharistiefeier, bei der Sr. Christine Rod MC zum Motto des Ignatianischen Jahres „Alles in Christus neu sehen“ die Predigt hielt. An der anschließenden Agape im Kardinal König Haus nahmen – unter Einhaltung der geltenden Coronaregeln – über 200 Gäste teil. Es hat allen spürbar gut getan wieder einmal miteinander ein Fest zu feiern und unbeschwert ins Gespräch zu kommen.

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BUCH DES MONATS: Juli

Bettina Rollow und Joana Breidenbach: "New Work needs Inner Work"

Joana Breidenbach, Gründerin von betterplace lab, und Bettina Rollow, Organisationsentwicklerin, beschreiben in ihrem kompakten Handbuch „New Work needs Inner Work“, warum viele Transformationsprozesse zum Scheitern verurteilt sind und wie sich Organisationen auf den Weg zu einer agileren und sinnstiftenden Form der Zusammenarbeit machen können.

Der Titel „New Work needs Inner Work“ bringt die Hauptbotschaft des Buches auf den Punkt. Den Autorinnen zufolge gelingen Transformationsprozesse nur, wenn die innere UND die äußere Dimension beachtet werden. „Es reicht nicht Rollen und Regeln zu verändern, damit Menschen kreativer und eigenverantwortlicher werden. Jede Veränderung der äußeren Strukturen erfordert eine Veränderung des Innenlebens einer Organisation“: eine Entwicklung des Teams und eine entsprechende Veränderung der einzelnen Menschen.

Wie diese innere Transformation gelingen kann und warum diese Arbeit so wichtig ist, wird von den Autorinnen gut nachvollziehbar beschrieben und anhand von Beispielen deutlich gemacht. Dabei geben die beiden Autorinnen den Leser*innen kein allgemein gültiges Rezept in die Hand, um eine neue Form der Zusammenarbeit und Führungskultur einzuführen. Sie sind vielmehr davon überzeugt, „dass jedes Team für sich selbst herausfinden muss, welche Balance zwischen fester Struktur und Flexibilität, verbindlichen Regeln und Entscheidungsspielräumen in der aktuellen Konstellation am besten passt.“

Erfrischend ist, dass die Autorinnen weder eine theoretische Abhandlung über verschiedene Organisationsformen liefern, noch eine bestimmte Form der Zusammenarbeit dogmatisch propagieren. Vielmehr präsentieren und kombinieren sie geschickt verschiedene Modelle (z.B. AQAL-Modell, Eisbergmodell, etc.), Prinzipien und Leitfragen, welche den Teams helfen sich selbst und ihre Bedürfnisse, sowie ihre Motivation und Ziele besser kennenzulernen. Beginnend bei einer umfassenden Standortanalyse über den Aufbau innerer Kompetenzen bis hin zur Anpassung von äußeren Strukturen und Prozessen verläuft der Pfad der Transformation.

Das Buch ist nicht nur für all jene interessant, die gerne neue Formen der Führung und Zusammenarbeit einführen möchten. Die präsentierten Leitfragen, Modelle und Prinzipien können auch in bestehenden Teams in hierarchischen Systemen für die Teamentwicklung genutzt werden. Denn die innere Stärkung und der Kompetenzaufbau sind auch überall dort wichtig, wo in stark formellen Strukturen ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Selbstorganisation von Mitarbeiter*innen gefordert wird.

Im Sozial- und Gesundheitswesen arbeiten Mitarbeiter*innen in einem – teilweise sogar gesetzlich – stark regulierten Rahmen mit entsprechenden Hierarchien. Trotzdem sind, beispielsweise im Pflegealltag, all jene Kompetenzen erforderlich, wie sie auch in selbstorganisierten Teams notwendig sind. In der Pflegepraxis werden eigenverantwortlich Entscheidungen getroffen und selbstorganisiert gearbeitet. Dafür benötigt es reife Mitarbeiter*innen und reflektierte Teams, die nicht nur pflegerisch-fachlich versiert sind, sondern über ein hohes Maß an Kommunikations- und Selbstwirksamkeitskompetenz verfügen.

Der neue ASOM- Lehrgang erfolgreich:wirken - Empowerment für die Pflegepraxis, ab Herbst 2021: https://www.asom.at/lehrgaenge/erfolgreichwirken---empowerment-fuer-die-pflegepraxis/information

Das Buch wurde von Mag.(FH) Livia Mutsch, MA gelesen und empfohlen. Livia Mutsch ist Human Ressource Managerin im NPO-Bereich und Trainerin an der ASOM. Sie hat sich auf Personalmanagement und Organisationsentwicklung im Gesundheits- und Sozialwesen spezialisiert.

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BUCH DES MONATS: Juni

Josef Maureder

Josef Maureder mit dem rezensierten Buch

Ermin Döll & Marcus Hillinger: „Das Zen des glücklichen Wanderns“

P. Josef Maureder SJ empfiehlt uns ein Buch, das zwei dem Kardinal König Haus sehr verbundene Meditationslehrer geschrieben haben. Christine Schmidl, Mitarbeiterin im Spiritualitätsbereich, hat das Buch für Sie gelesen.

Wann wenn nicht jetzt – hinaus in die Natur! Die beiden Autoren, erfahrene Meditationslehrer und Wanderführer, regen durch einfache Übungen zum meditativen Gehen und Wandern an. Wandern ist vielleicht der einfachste und natürlichste Weg zum Glück, so schreiben die beiden. Um glücklich zu sein, kommt es nicht so sehr darauf an, was um uns herum vorgeht, sondern vielmehr darauf, wie wir etwas erleben, sehen und wahrnehmen. Nicht die äußeren Umstände, sondern die innere Verfassung und eigene Einstellung verhelfen uns zu Glück und Frieden.

Wahrzunehmen, was in unserem Leben ist und wie es ist – Döll und Hillinger empfehlen eine Annäherung in drei Schritten: Sehen, Annehmen und Wertschätzen. Probieren Sie die kleine Übung doch gleich aus: Führen Sie sich eine Situation Ihres Alltags vor Augen und bedenken Sie diese im folgenden Dreischritt:

Sehen – im Sinn von Wahrnehmen ohne Voreingenommenheit.
Annehmen – als Begegnung ohne Erwartungshaltung, mich einlassen auf die Situation, wie sie ist.
Wertschätzen – das was ist, einfach weil es ist.

Von meiner eigenen Einstellung hängt es also ab, wie ich dem Leben begegne. Da kommt mir passend zum Buchtitel der alte Wanderspruch in den Sinn, dass es kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Ausrüstung gibt. Die Autoren geben Impulse z.B. zu achtsam Gehen, Gehen im Rhythmus des eigenen Atems, Wahrnehmen mit unseren Sinnen. Die kurzen klaren Anleitungen regen zum Meditieren auf vielfältige Weise an. Unterschiedliche Texte aus Lyrik, Dichtung, Philosophie ergänzen und begleiten den Meditationsweg.

Die Texte sind eine Einladung, beim Meditieren mit Leib und Seele die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen. Das Buch könnte ein Geschenk sein für Menschen, die gerne gehen und für Meditatives offen sind.

Ermin Döll hat jahrzehntelang bis zu seinem Tod im Jänner 2021 die Zen Meditationen im Kardinal König Haus geleitet, Marcus Hillinger hatte langjährige Meditations-Praxis bei Ermin Döll und begleitet im Herbst zum zweiten Mal das Wochenende „Einführung ins Zen“.

Josef Maureder

Josef Maureder mit dem rezensierten Buch

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Ignatianisches Jahr 2021-2022

Alles in Christus neu sehen

Der Jesuitenorden feiert weltweit ein Jubiläum und erinnert 2021/2022 an die Bekehrung seines Gründers Ignatius von Loyola (1491-1556) vor 500 Jahren. Offiziell eröffnet wird das Gedenkjahr am 20. Mai 2021, dem 500. Jahrestag der Verwundung Ignatius in Pamplona und dem Beginn seiner Bekehrung. Das Gedenkjahr endet am 31. Juli 2022, dem Todestag des Ordensgründers.

Im Jahre 1521 wurde die Genesungszeit im Haus seiner Familie in Loyola für Ignatius eine Phase der inneren Wende und Umkehr. Nach dem Aus seiner weltlichen Karriere wurde in ihm der Wunsch der Nachfolge eines „neuen Herrn“ stärker, nämlich Jesus Christus zu dienen. Sein Weg der Bekehrung führte ihn zunächst in das Kloster Montserrat und weiter nach Manresa. Als Ignatius in Manresa eintraf, entschlossen, von dort eine Pilgerreise ins Heilige Land zu unternehmen, begab er sich auf die geistliche Reise eines suchenden Neubekehrten, der auf der Suche nach Gott ist. Mit seinen Augen lernte er die Welt neu zu sehen. Sie wurde für Ignatius ein Ort, an dem das Feuer der Liebe und Gegenwart Gottes überall gesucht und gefunden werden kann. Um anderen Menschen diese Weltsicht zu eröffnen, schuf Ignatius einen einmaligen spirituellen Übungsweg – die geistlichen Übungen, die Exerzitien. Sie sind ein geistliches Vermächtnis, ein privilegiertes Instrument, um Menschen den Weg zu Gott zu weisen. Der Leitspruch dieser Jubiläumsfeierlichkeiten – „Alle Dinge in Christus neu sehen“ – unterstreicht, dass diese Zeit auch für uns eine Gelegenheit sein kann, selbst „erneuert zu werden“.

In diesem Gedenkjahr soll die Hoffnung stärker werden, die zu gemeinsamen Anstrengungen antreibt, die Wunden der Natur zu heilen und eine bessere Welt für künftige Generationen zu bereiten. So, wie unser Ordensgründer Ignatius für uns Jesuiten auf dem Weg der Nachfolge inspirierend ist, um unsere Herzen zu öffnen und den Heiligen Geist zu empfangen, so möge er viele Menschen mit seiner Spiritualität begleiten und uns alle mit der „Kühnheit für das Unmögliche“ beschenken.

P. Friedrich Prassl SJ

Angebote vom Bereich Spiritualität und Exerzitien im Kardinal König Haus für dieses Jubiläumsjahr

Weitere Infos finden Sie hier: https://ignatius500.global

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"To better serve the mission"

© Magdalena Schauer-Burkhart

Interview mit P. Bernhard Bürgler und Georg Nuhsbaumer

Ab April 2021 ändert sich vieles für die Jesuiten. Es wird eine neue zentraleuropäische Provinz gebildet, die sich über Ländergrenzen hinweg erstreckt. Die neue Struktur soll dazu dienen, dass die Jesuiten ihre Sendung besser ausüben können. P. Bernhard Bürgler, momentan Provinzial der österreichischen Jesuitenprovinz und ab April Provinzial für die gesamte zentraleuropäische Provinz, und Georg Nuhsbaumer, Organisationsentwickler im Kardinal König Haus Wien, geben Einblick in die Schritte, die der Gründung der zentraleuropäischen Provinz vorangingen. Die neue Provinz wird insgesamt 36 Standorte in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Litauen, Lettland und Schweden mit insgesamt 442 Mitbrüdern umfassen.

Warum ist ein Zusammenschluss der richtige Weg, und welche Signalwirkung hat er?

P. Bernhard Bürgler: Wir gehen diesen Schritt auch, weil unsere Zahlen zurückgehen, aber das ist nicht der einzige  Grund. Wir machen das, weil sich die Zeiten geändert haben und sich auch weiterhin ändern. Es ist mehr Zusammenarbeit gefordert, und das birgt auch Chancen. Gleichzeitig ist es für uns irgendwie auch ein Zurückgehen zu unserem Gründungscharisma: Wir schauen wieder über Ländergrenzen, denken nicht mehr in Nationalitäten, sondern darüber hinaus.
Die Gründung der Gesellschaft Jesu gestaltete sich so, dass sich verschiedene Menschen mit ganz unterschiedlicher Herkunft getroffen haben, die alle einen Auftrag spürten, nämlich die Botschaft Jesu zu verkünden. Hinter ihm ist alles andere wie zurückgetreten. Im Laufe der Geschichte bildeten sich dann Provinzen, die oft identisch waren mit Ländern. So kam etwas wie Nationalitäts- oder Provinzbewusstsein auf, das eigentlich gar nicht zu uns passt.

Georg Nuhsbaumer: Ich sehe in diesem Prozess einen Punkt, der sich mit einem zentralen Anliegen von Papst Franziskus trifft, nämlich der Anregung hin zu einer synodalen Kirche. Das heißt, Organisationseinheiten, Strukturen, Menschen in der Kirche dazu anzuregen, gemeinsam auf Gott zu hören. Neu zu fragen, was ist es, das heute Gott von uns möchte, und in welche Richtung wir dazu gehen sollen.

Wie gestaltete sich der Prozess?

Georg Nuhsbaumer: Bereits 2011 hat der damalige Generalobere der Jesuiten den Impuls gesetzt, dass der Jesuitenorden seine Strukturen weltweit auswerten, reflektieren und neu ordnen soll. 2017 gab es dann das erste Treffen der Provinziäle in Zentraleuropa, und man bildete eine Steuerungsgruppe, die ich als Organisationsentwickler begleitet habe. Die Gruppe setzte sich aus acht Personen zusammen, zwei aus jeder Provinz, einem Provinzial und einem Mitbruder aus dem Provinzkonsult.

P. Bernhard Bürgler: Begonnen hat der ganze Prozess damit, dass sich die Provinzen in Zentralosteuropa überlegt haben, wer mit wem in einen solchen Prozess gehen könnte. Im Laufe der Zeit hat sich dann herauskristallisiert, dass die vier Provinzen Deutschland, Österreich, Schweiz und Litauen einen Weg gehen wollen. Natürlich gab es dann auch Diskussionen, verschiedene Meinungen, auch Widerstände gegen manches. Aber ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass wir das alle wirklich wollen und gemeinsam an einem Strang ziehen und nach einer guten Lösung suchen.

Georg Nuhsbaumer: Für mich waren drei Dinge spannend. Erstens, dass die Jesuiten selbst den Schritt als eine Neugründung verstanden haben, nicht als eine Umstrukturierung oder Fusionierung. Das gibt so einem Prozess einen ganz anderen Charakter. Zweitens wurde ein bestimmtes Organisationsmodell gewählt, an dem sich der Prozess  ausgerichtet hat. Da stand klar die Frage im Zentrum: „Wofür machen wir das?“ Und das war in diesem Prozess das apostolische Wirken des Jesuitenordens zu stärken. Und drittens gab es auch immer ein gemeinsames Hinhören aufeinander, aber auch ein Hinhören auf „Was will Gott in dieser Situation mit den Jesuiten in Europa?“. Bewusst  gemeinsames Schweigen war ein Element in diesem Prozess.

Tipps an andere Gemeinschaften?

P. Bernhard Bürgler: Schaut nicht auf das, was ihr vielleicht verlieren könntet, sondern schaut auf das, was der Gewinn sein könnte. Eine große Chance ist, dass man aus seinen eingefahrenen Spuren herauskommt, ja, herausgerissen wird. Damit zusammen hängt auch, dass es gut ist, sich Hilfe von außen, also eine Form der Begleitung zu holen, um Wege zu finden, die zu Neuem führen und uns wirksamer werden lassen. Denn unser Blick ist oft sehr eng, und wir denken meist  zu eingeschränkt.

Georg Nuhsbaumer: Innere Bilder helfen. Das Beispiel zu denken, dass jetzt nicht vier Provinzen zusammengelegt werden, sondern dass 36 einzelne Kommunitäten zusammenkommen. Das hat ganz rasch etwas eröffnet und einen anderen Blickwinkel auf dieses Projekt gegeben. Es sagt besser aus, dass es Jesuiten sind, die alle in Kommunitäten leben, die jetzt zusammenkommen.

Auswirkungen, Vorteile, Visionen?

P. Bernhard Bürgler: Was ich mir erwarte, ist, dass durch das größere Gebiet bestimmte Mitbrüder möglicherweise  besser und ihren Fähigkeiten und Charismen entsprechender eingesetzt werden können. Weil es eben in diesem größeren Gebiet Felder gibt, in denen sie arbeiten können, die es vielleicht dort, wo sie früher waren, nicht gab. Das ist wohl ein Vorteil eines größeren Bereiches.

Georg Nuhsbaumer: Ein Kriterium, das sich die neue zentraleuropäische Provinz gegeben hat, war, sich nach apostolischen Feldern auszurichten. Also nicht regional zu schauen, wie man sich organisiert, sondern auf das Apostolat hin. Und das ist, glaube ich, ein Vorteil. Man blickt dann mit einem breiteren Horizont auf das jeweilige Feld und kann Profile schärfen. Eine Einrichtung wie das Kardinal König Haus in Wien wird dadurch jetzt die Möglichkeit haben, mit  Bildungshäusern in Deutschland und der Schweiz gemeinsam zu denken.

P. Bernhard Bürgler: Ich blicke mit großer Zuversicht in die Zukunft, ich freue mich auf die neue Provinz. Ich habe ein gutes Team und ich denke, wir bauen an dem weiter, was wir bisher gemacht haben. Es ist "work in progress", aber es ist ein spannendes Unternehmen. Und eine wichtige Haltung bei dem Ganzen scheint mir zu sein, beweglich zu sein, zu werden und zu bleiben. Sich umzustellen, sich einzulassen auf Neues, auszuprobieren, Fehler zu machen, neu  anzufangen. Das, denke ich, ist für uns oft nicht ganz leicht. Wir hätten es lieber anders, aber es ist wichtig im Leben,
in eine offene Haltung hineinzuwachsen.

Magdalena Schauer-Burkart

Das Video zum Interview können sie hier nachsehen: https://www.ordensgemeinschaften.at/artikel/6122-to-better-serve-the-mission

PDF-Datei: Interview P. Bürgler und Georg Nuhsbaumer

© Magdalena Schauer-Burkhart

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PDF-Datei: Predigt von P. Maureder beim Gottesdienst zur Neugründung

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BUCH DES MONATS: April

Noreena Hertz: "Das Zeitalter der Einsamkeit"

Für ein Buch über Einsamkeit könnte es wohl keinen passenderen Zeitpunkt geben als die Corona-Pandemie: Wenn Kontakte als gefährlich und Isolation als verantwortungsvoll konnotiert sind, kippt der gemütliche Abend allein am Sofa schnell um in eine Erfahrung der Einsamkeit. Diese allgemeine Aufmerksamkeit für das Thema hat bereits die Politik erfasst, in den Medien zu einem eigenen Subgenre von durchaus oft positiven Meldungen geführt und die Einrichtung von Vernetzungsprojekten, meist übers Telefon, beschleunigt.

Die britische Ökonomin Noreena Hertz geht in ihrem Buch „Das Zeitalter der Einsamkeit“1 über die aktuelle Situation hinaus und beschreibt Ursachen, Phänomene und Folgen der Einsamkeit ausführlich und durchaus drastisch. Dabei versucht sie, einen breiten Blickwinkel einzunehmen und Einsamkeit „persönlich, gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch“ zu beleuchten.

An den drastischen Auswirkungen von Einsamkeitserfahrungen lässt sie keinen Zweifel, sowohl auf der Ebene der individuellen Gesundheit als auch der volkswirtschaftlichen Folgen. Besonderes Augenmerk legt sie auf die Gefahr für die Demokratie – wobei sie hier in längeren Passagen über Donald Trump und rechten Populismus eher tendenziös als wie sonst im Fußnoten-getränkten Text wissenschaftlich argumentiert. Überzeugend hingegen ist die Warnung, dass Einsamkeit unsicher, misstrauisch und als Folge der „Kontakt-Entwöhnung“ auch aggressiv macht. Wichtig für alle, die nach schnellen Lösungen suchen ist auch der Hinweis, dass einsame Menschen weder einfach erkennbar noch leicht zugänglich für Unterstützungsangebote sind. Damit ist bereits klar, dass für Hertz Ansätze gegen Einsamkeit in der öffentlichen Verantwortung liegen, bei Stadtplanung und Politik ebenso wie bei der Wirtschaft.

Zwei Hauptquellen für kollektive Einsamkeit, denen im Buch viel Raum eingeräumt wird, sind das Leben in der Großstadt und entfremdende Arbeits- und Konsumerfahrungen. Beide sind aus einem fast ausschließlich anglo-amerikanischen Blickwinkel geschrieben, wobei London, New York und San Francisco die Hauptschauplätze der Geschichten und Schilderungen sind. Bei kontinentaleuropäischen Leser*innen entsteht hier zwar ein gewisser Schauer über „solche“ Zustände, richtig anschlussfähig sind diese Argumentationen aber in unseren Breitengraden nicht. Denn klar ist: Neben der Digitalisierung und unserer Sucht nach kontaktlosem Konsum immer und überall ist der Neoliberalismus für Hertz hauptverantwortlich für die fortschreitende Einsamkeit. Den Beginn des „Jahrhunderts“ im englischen Titel (das in der deutschen Ausgabe unerklärlicherweise gleich zu einem ganzen Zeitalter gedehnt wird), verortet sie auch implizit mit Thatcher und Reagan. Die langen Kapitel, in denen die Sucht nach sozialen Medien und die Auswüchse von entwürdigenden Arbeitsbedingungen in der Scheinselbständigkeit geschildert werden, bieten uns zwar eine Warnung, aber keine anschlussfähigen Erkenntnisse. Auch die Auswirkungen unleistbar teurer Wohnungen und der fast durchgängigen Schließung kommunaler Einrichtungen wie Jugendzentren und Büchereien sind in unseren Breiten eher nur ein dumpfer Trommelwirbel am Horizont.

Trotzdem lassen sich einige sehr universelle Erkenntnisse aus dem Buch extrahieren, die uns bei der Suche nach Auswegen, nach einem Umdenken helfen, und hier seine einige nur kurz angeführt: Es braucht einen Bewusstseinswandel, nicht nur einzelne Maßnahmen, und vor allem die Erkenntnis, dass Verbundenheit auch mit Anstrengung und einem Verzicht auf Bequemlichkeit verbunden ist. Dem „Auseinanderreißen“ im englischen Titel, das Hertz der Wirtschaft und dem Digitalen anlastet, müssen wir das aktive Bemühen um Begegnung entgegensetzen. Dafür sind auch weniger Tempo und natürlich Rahmenbedingungen nötig, etwa in der Planung von Stadtvierteln oder leistbarem Wohnraum.

Was Hertz schuldig bleibt, ist ein wirklich klares Bild vom Gegenteil von Einsamkeit. (Damit ist sie aber nicht allein, es fehlt insgesamt in der Debatte.) Zwar führt die Autorin einige Projekte und Lösungen an, nicht ohne diese aber selbst kritisch zu hinterfragen: einerseits Angebote aus der „Einsamkeitsindustrie“ wie Robotertiere, mietbare Freundinnen oder Profi-Kuschlerinnen, andererseits Wohn- und Arbeitsformen, die als Marketingargument Gemeinschaft versprechen, aber nicht einlösen können wie CoWorking Spaces oder CoLiving. Nur kurz erwähnt sie den „dritten Raum“ als Ort der absichtslosen Begegnung zwischen Privat- und öffentlicher Sphäre. Wege aus der Einsamkeit, die jenseits des Markts gestaltet werden, kommen nur ansatzweise vor.

Gerade der Kontakt mit dem Anderen ist für Hertz in ihrer politischen Argumentation ein zentrales Anliegen. Hier wäre jedoch zu hinterfragen, wie nachhaltig Gemeinschaften und Kontakte sein werden, die sich nicht auf gemeinsame Werte und Anliegen stützen, sondern auf der Ebene von „Hauptsache divers“ stecken bleiben. Hier ist für moderne Großstädte ebenso wie für von Landflucht geplagte Regionen unbedingt noch Denk- und Handlungsbedarf.  
Auf manche für uns in Kontinentaleuropa sehr zentrale Lebensbereiche mit Gemeinschaftspotenzial geht Hertz kaum ein. Religiöse Gemeinschaften bleiben fast unerwähnt, Sport kommt nur in Form von Fitnessstudios vor und Kultur als Theaterprojekte. Es scheint, als hätten wir hier durchaus ein breites Angebot an gemeinschaftstauglichen Kontexten, die wir pflegen und modernisieren können und sollen.

Dies klingt jedenfalls einfacher und realistischer als die abschließende Forderung von Hertz nach einem „sorgenden Kapitalismus.“ Ihre Vorstellung, wir müssten den Kapitalismus „wieder mit Gemeinschaft und Mitgefühl“ in Verbindung bringen, wird in unseren Breiten wohl am ehesten mit einer echten Rückbesinnung auf die ökosoziale Marktwirtschaft zu interpretieren sein. Wenn man die vielen Bezüge auf die Pandemie und die Regierung Trump beseite lässt, ist das Buch eine Art negative Utopie, in welchen Abgrund uns die Entfremdung in der Arbeitswelt, das Tempo der Großstadt und die Sucht nach schneller digitaler Befriedigung führen können. Der praktische Nutzen darüber hinaus liegt in der klaren Erkenntnis, dass nur im Zusammenwirken aller Bereiche und in der vordergründig anstrengenden Begegnung mit echten Menschen Vermeidung und Heilung von Einsamkeit mit all ihrem zerstörerischen Potenzial möglich ist.

Mag. Petra Rösler, Bildungsmanagement, Kardinal König Haus

1Hertz, Noreena: Das Zeitalter der Einsamkeit. Über die Kraft der Verbindung in einer zerfaserten Welt. HarperCollings, 2021. Diese Rezension bezieht sich auf die englische Originalausgabe: The Lonely Century. Coming Together in a World that's Pulling Apart. .

Petra Rösler ist Mit-Initiatorin und Leiterin des innovativen Bildungsgangs „Wege aus der Einsamkeit“, der 2021 im Kardinal König Haus startet. Hier finden Sie weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung zum Bildungsgang: www.kardinal-koenig-haus.at?va=32235

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Gesegnete Ostern 2021

George F. Watts, After the Deluge: 1885

George F. Watts, After the Deluge: 1885

31.03.2021 | Gruß des Direktors

Liebe Freund*innen und Partner*innen des Kardinal König Hauses!

Dieses strahlende Bild, „Der einundvierzigste Tag nach der Sintflut“, hat für mich heuer auch eine österliche Bedeutung gewonnen. Nach vierzig Tagen Fastenzeit, nach fast 400 Tagen Coronazeit, nach stürmischen, „sintflutartigen“ und eher dunklen Zeiten des vergangenen Jahres ist für mich noch immer – ja, immer mehr – auch strahlendes Licht im Blick.

Gerade zu Ostern verbunden mit dem Bild der Auferstehung und dem Leben. Ich denke allerdings nicht nur zu Ostern an die Auferstehung und das Leben – im Blick auf Jesus Christus. Dieser hoffnungsvolle Gedanke begleitet mich auch nicht erst seit Beginn der Coronapandemie vor einem Jahr, mit allen schwierigen und schmerzvollen Einschränkungen. Das Bild der Auferstehung und des Lebens, verbunden mit Hoffnung, Zuversicht und Dankbarkeit, ist für mich viel umfassender. Ein Text von Christl Fink hat mich vor kurzem darin bestärkt.

Ostersonntag ist nicht am Ostersonntag,
es kann jeder Tag sein, dein Ostersonntag.
Am Montag, Dienstag oder auch Freitag;
Immer dann, wenn das Leben siegt.

Wenn sich die Hand, auf die du so lange gewartet,
dir entgegenstreckt zur Versöhnung, zum Neubeginn,
wenn du selbst einen neuen Anfang wagst,
wenn du in seiner Kraft plötzlich Mauern überspringst,
als ob sie nicht mehr wären,
wenn du eine neue Geste der Hoffnung findest,
ein neues Wort, das vom Leben singt.

Es ist jetzt über ein Jahr her, dass wir in unserem Bildungszentrum – ebenso wie viele, viele andere Menschen und Institutionen weltweit – die ersten offiziellen Maßnahmen gegen die Herausforderungen der Coronapandemie ergriffen haben. Und noch immer ist unser Alltag davon stark beeinträchtigt. „Hoffentlich können wir nach Ostern wieder öffnen“, habe ich vor einem Jahr geschrieben und an Ostern 2020 gedacht. Vieles von dem, was ich vor einem Jahr gedacht und erlebt habe, gilt leider immer noch. Die Coronapandemie bringt unseren Lebensalltag nach wie vor durcheinander, verunsichert uns, schränkt unsere Arbeits- und Lebensgrundlagen ein – existenziell, aber auch ökonomisch. In vielen Bereichen sind Ausmaß und Spätfolgen des bisher Erlebten noch lange nicht endgültig absehbar. Die Sorge darüber wird eher stärker.

Es fällt nicht leicht in dieser Krise auch Chancen zu sehen, um selbst zu wachsen, um reifer zu werden. Ich bemerke trotz meiner Zuversicht als realistischer Optimist oft hilflos, dass Gewissheiten und Handlungsweisen, die vielen Menschen bisher Halt und Stabilität gegeben haben, nur mehr zum Teil ermutigend und stärkend sind. Viele Menschen sind aufgrund der aktuellen Lage zunehmend ungeduldig, es reicht ihnen, sie haben keine Lust auf Masken, keine Lust auf geschlossene Läden und vor allem auf schmerzliche Kontaktbeschränkungen. Geforderte und vorschnell gewährte Lockerungen erweisen sich zunehmend als zusätzliche Belastungen, die Menschen ihre letzte Hoffnung rauben, enttäuschen und frustrieren. Es liegt jedoch viel an uns, wie der Weg durch und besonders nach der Pandemie weitergeht, auch wenn es seit einem Jahr immer schwerer fällt für Vieles in unserem alltäglichen Leben Verständnis und Dankbarkeit zu empfinden und auszudrücken. Sorgen und Ängste durch die Coronapandemie trüben den Blick und behindern die Wahrnehmung von Gelegenheiten für echte Dankbarkeit. Die Coronapandemie könnte in diesem Sinn Gelegenheiten bieten, die uns helfen, uns neu zu besinnen und unsere Grundhaltungen, insbesondere die Dankbarkeit zu pflegen, indem uns deutlicher wird, was echte Dankbarkeit für uns wirklich bedeutet. Mich beschäftigt gerade in dieser Zeit das Thema der Dankbarkeit sehr. Mir fällt es nicht leicht mich über den Lockdown und die damit verbundenen Lebenseinschränkungen ständig nur zu beklagen und sie zu kritisieren. Eine ganz andere, dankbare Sichtweise auf viel Gelungenes und Geschenktes in dieser Zeit tut mir gut und ich ermutige mehr dazu.

Was echte Dankbarkeit auslöst,
ist nicht das Gegebene,
das wir entgegennehmen,
sondern die Gelegenheit,
die wir wahrnehmen.                 Br. David Steindl-Rast

Jeder Augenblick bietet dabei eine Gelegenheit etwas zu geben und zugleich auch dankbar etwas zu empfangen. Wir werden nie für alles dankbar sein können, was uns widerfährt. Aber alles kann eine Gelegenheit für Dankbarkeit werden, auch schwierige Situationen. Sie sind manchmal Anlass und Gelegenheit, daraus etwas zu lernen: Geduld, Verständnis, Offenheit, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit… Ich bin für vieles dankbar, das dem Kardinal König Haus im letzten Jahr in der schwierigen Situation geschenkt wurde. Ich bin dankbar, dass wir alle Mitarbeiter*innen im Betrieb behalten konnten und für viele Familien Halt und Sicherheit bieten konnten. Ich bin dankbar für staatliche Hilfeleistungen, die uns über schwierige wirtschaftliche Phasen hinweghelfen. Ich bin dankbar für technische Entwicklungen und Erneuerungen des letzten Jahres. Ich bin dankbar für alles, was sehr wohl möglich war an Bildungsaktivitäten im Haus, was auf dem digitalen Sektor an Angeboten neu entstanden ist. Ich bin dankbar für viele Zeugnisse der Hilfsbereitschaft im Alltag, für neue Formen der Kommunikation, für die Wertschätzung von persönlichen Begegnungen, wo sie möglich waren und sind. Ich bin dankbar für ein großartiges Bildungsprogramm im Haus, für die Zuversicht, dass es gut weitergehen wird in der „Zeit danach“. Gemeinsam schaffen wir es!

In herzlicher Verbundenheit wünsche ich eine gesegnete Osterzeit sowie weiterhin Zuversicht, Hoffnung, Dankbarkeit und vor allem gute Gesundheit,

Friedrich Prassl SJ

George F. Watts, After the Deluge: 1885

George F. Watts, After the Deluge: 1885

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BUCH DES MONATS

Friedrich Prassl Buchrezension

David Steindl-Rast: "Die Achtsamkeit des Herzens"

Ein Klassiker von David Steindl-Rast, „Die Achtsamkeit des Herzens“, erscheint am 21. April 2021 im Herder-Verlag neu – mit einem Vorwort seines benediktinischen Mitbruders Anselm Grün und Gedanken des Autors zu einem „Leben aus der Stille“. Sein Herzenswunsch für alle Menschen nach Frieden, Glück, Lebensfreude und Dankbarkeit ist nicht neu für die, die Bruder David kennen.

Die erste Fassung dieses Buches hat mich vor über dreißig Jahren in Kanada ermutigt meinen Weg in Richtung Priestertum und in den Jesuitenorden zu gehen. „A listening Heart“, so der damalige Titel, hat mich inspiriert in allem immer mehr auf das Herz zu achten, das „Organ der Sinnfindung“, wie es Bruder David im Buch beschreibt. In mehreren Themenbereichen, die dennoch innerlich eng miteinander verbunden sind, meditiert er über die Beziehung zu Gott, über Sinnfindung und Dankbarkeit.

Die Suche nach dem Sinn ist für ihn nichts Abgehobenes und hat mit unserer Sinnlichkeit zu tun. Über unsere Sinne und der damit verbundenen Achtsamkeit finden wir Sinn im Leben. Mit seinen Gedanken und Wortspielen betont Bruder David immer wieder, dass es dazu „nur“ der Achtsamkeit, der Öffnung des Herzens und der Aufmerksamkeit des ganzen Menschen bedarf. Er ist überzeugt: „Sinn finden wir, wenn wir mit dem Herzen horchen lernen.“ Bruder David fordert seine Leser*innen heraus auf der „Suche nach Sinn mit allen Sinnen zu beginnen“. Das Herz bezeichnet er dabei in Anlehnung an ein Bild Rilkes, aus der Sonette an Orpheus, als „Kreuzweg unserer Sinne“. Neben zahlreichen biblischen Bezügen, interreligiösen Beobachtungen und Reflexionen zur japanischen Kunst des Haikus greift Bruder David viele Gedanken von deutsch- und englischsprachigen Dichtern und Denkern auf, um eine traditionsreiche, gegenwartsnahe, christliche Lebenshaltung vorzustellen.

Die Dankbarkeit nimmt in diesem Buch eine zentrale, verbindende Stellung ein. Sie soll uns helfen, Tore und Wege zu öffnen und uns dem „Geber aller Gaben“ - Gott - näher kommen zu lassen. Die Texte beinhalten immer wieder eine Erinnerung und Einladung zu Einkehr und Stille, zur Achtsamkeit auf das Jetzt. Sie laden ein zu üben wach zu werden, wach zu sein für die Gelegenheit, die ein jeder gegebener Augenblick uns bietet, um aufmerksam, freudig, dankbar und mit großer Weite des Herzens darauf zu antworten.

Bruder David ermutigt durch „Achtsamkeit des Herzens“ eine Grundhaltung der Dankbarkeit einzuüben und zu pflegen. Er beschreibt diese Haltung in seinen Büchern, Vorträgen und Seminaren und bezeugt sie in seinem Leben.

„Was echte Dankbarkeit auslöst,
ist nicht das Gegebene,
das wir entgegennehmen,
sondern die Gelegenheit,
die wir wahrnehmen.“

Mit diesem Gedanken von Bruder David, nach einem Jahr Corona-Pandemie, mit allen damit verbundenen schwierigen Umständen für das Kardinal König Haus, bitte ich vertrauensvoll um Unterstützung für unser Haus. Auf www.kardinal-koenig-haus.at/unterstuetzen können Sie unkompliziert online spenden. Ich danke schon jetzt für Ihre Hilfe!

Friedrich Prassl SJ, 25.3.2021

Friedrich Prassl Buchrezension

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BUCH DES MONATS

Christine Rod Buchrezension

Rainer Kinast: "Werteorientierte Führungskultur. Theorie und praktische Umsetzungen."

Rainer Kinast bewegt sich routiniert und scheinbar mühelos in sehr verschiedenen „sichtbaren und unsichtbaren Wirklichkeiten“: in Theologie und Führungsaufgabe, in Psychotherapie und Organisationsentwicklung, in Spiritualität und Prozessbegleitung, in Personalverantwortung und zugrundeliegenden Motivationen, im Blick auf Individuen und in der Aufmerksamkeit auf Systeme. Genau diese Vielseitigkeit bringt die Frische und den kraftvollen, glaubwürdigen Duktus der Publikation, die Ende 2020 im Lambertus-Verlag erschienen ist.

Rainer Kinast „bedient“ Führungskräfte in ihrer unmittelbaren strukturellen Führungsaufgabe und organisationalen Verantwortung. Und er bietet auch einen achtsamen Umgang mit Motivationen, Sinn und Werten. Er weiß um die Wichtigkeit dieser Orientierungspunkte im Führungsalltag und macht diese bewusst und somit auch zur Ressource. Inspirator im Hintergrund ist kein geringerer als Viktor Frankl, in dessen psychotherapeutischer Tradition Kinast geprägt ist und auf den immer wieder Bezug genommen wird.

Kinast spricht ausdrücklich und erfrischend „unpenetrant“ über Spiritualität, indem er einerseits zwischen „weltimmanent“ und „transzendent“ unterscheidet und die weltimmanente Spiritualität ernstnimmt und würdigt. Und er bekennt sich andererseits deutlich zu christlicher bzw. – noch spezifischer – zu ignatianischer Spiritualität. Eine Spiritualität, die das Zeug in sich hat, die Dinge dieser Welt mit dem Glauben an Jesus Christus zu verbinden.

Man nimmt es Kinast ab, dass er sehr respektvoll mit seinem Gegenüber und dessen Werten und Spiritualität umgeht. Bereichernd sind die vielen praktischen Beispiele, die gleichsam ein Angebot darstellen, trotz mancher Unsicherheit mit den Themenfeldern „Werte und Spiritualität“ dranzugehen und Mitarbeitende vielleicht zu neuen Erfahrungen oder neuen Erkenntnissen einzuladen.

Einladend, kurzweilig und sympathisch ist das Buch insgesamt. Als Reflexionshilfe und Inspiration für „Erstverbraucher“, also für Führungskräfte selber, aber auch als Ermutigung und manchmal sogar als „How to do“ für Mulitplikator*innen, also für Trainer*innen und Prozessbegleiter*innen.

Christine Rod MC, 20.2.2021

Rainer Kinast war Mit-Initiator des innovativen Lehrgangs „Angewandte Existenzanalyse in Organisationen“, der 2021 im Kardinal König Haus startet und von Susanne Pointner und Alexander Milz geleitet wird. Sein neues Buch ist im Teilnahmebeitrag enthalten und dient als Hintergrundliteratur.

Hier finden Sie weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung zum Lehrgang "Existenzanalyse in Organisationen": www.kardinal-koenig-haus.at?va=31409

Christine Rod Buchrezension

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17.02.2021 | Aschermittwoch - Impuls zum Beginn der Fastenzeit

Aschermittwoch

Sich wandeln und verwandeln lassen

Die Fastenzeit steht wieder vor der Tür. Die besonderen Umstände der Corona-Pandemie werfen auch heuer ihre Schatten darauf. Es ist eine geprägte Zeit im Jahr, um mich im Blick auf Ostern zu besinnen, was ich selbst in meinem Leben aktiv verändern möchte.

Was ist mir wirklich wichtig?
Was will ich lernen?
Worin und woran möchte ich wachsen?
Was bedeutet es für mich, den Augenblick achtsam zu leben, Frieden im Herzen zu finden, die Menschen zu lieben, Güte zu wagen, Verständnis zu üben, einander von Herzen gut zu sein, Dankbarkeit zu empfinden?
Bin ich überhaupt bereit mich in diesem Sinn verwandeln zu lassen?

Die Antworten auf diese Fragen muss ich mir immer wieder selber ehrlich geben können. Eine bewusste Fastenzeit kann mir dabei helfen. Es geht dabei nicht so sehr um ein mehr oder weniger Essen – das ist nicht wichtig. Es geht auch nicht um eine radikale Änderung meiner Lebensgewohnheiten. Manchmal ist es einfach ein achtsames Verbessern von Nachlässigkeiten in meinem Alltag. Es geht um mein ehrliches Bemühen Falsches zu bemerken, Trennendes zu überwinden, Belastendes zu entfernen. Es geht um ein Freiwerden von dem, was mich auf meinem Lebensweg behindert, was mich im Innersten bedrückt. Es geht um Anders-Denken, Neu-Denken, Umdenken, es geht oft um Umkehr, damit sich in meinem Leben vieles zu mehr freudiger Lebendigkeit hin wandeln kann.

Henry Newman hat das einmal so beschrieben: „Leben heißt sich verändern. Vollkommen sein heißt, sich oft verändert zu haben.“ Auch wenn wir die Vollkommenheit nicht erreichen werden, möge uns etwas davon in dieser besonderen Fastenzeit in unserem Leben gelingen! Unser Blick darf sich wieder hoffnungsvoll auf Ostern, Auferstehung und Leben in Fülle richten.

Der Glaube, Zuversicht, Vertrauen, Freude und Dankbarkeit verstärken die Bereitschaft zur Wandlung – sich zu wandeln und sich verwandeln zu lassen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gesegnete Fastenzeit!

P. Friedrich Prassl SJ

Aschermittwoch

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Ermin Joseph Döll *28.02.1936 + 23.01.2021

Die Botschaft seines Lebens und Lehrens

Wer Ermin Döll kennenlernen durfte, dem sind aus den Begegnungen mit ihm seine ruhige Präsenz und seine wachen, nicht selten lächelnden Augen, in Erinnerung. Ermin sprach langsam, wie er ganz allgemein alles, was er unternahm, mit Bedacht und Aufmerksamkeit tat. „Langsam, langsam, nicht so schnell!“, so konnte er andere im Familienkreis und bei Kursen bisweilen bremsen. Nichts sollte „nebenbei geschehen“, alles in voller Präsenz. Darin liegt ein großes Geheimnis der Wirkung, die Ermin Döll auf andere hatte.

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Gab es mit ihm etwas für kommende Kurse oder Unternehmungen zu besprechen, so war er stets natürlich und einfach. So war es gut möglich, Vorschläge, Bedenken oder Veränderungen einzubringen. Seine einfache und unkomplizierte Art hat es seinen Teilnehmer*innen möglich gemacht, ebenfalls unbefangen als Personen, die sie sind, da zu sein. Seine kleine Gestalt, sein ruhiges Wesen, seine einfache Sprache, alles hatte einen Ton von Einfachheit und Verständlichkeit.
Zweifellos haben Natur und Schöpfung in seinem Leben eine große Bedeutung. In jüngeren Jahren liebte er das Bergsteigen, um auch an die Grenzen zu gehen – oder darüber hinaus. Immer mehr wurde der Garten das Feld seiner Berührung mit Schöpfung und mit seinem Schöpfer. Schon als Franziskaner war dies zentrales Anliegen seiner Spiritualität. Mit seiner Familie in Wien hat er dann im Zusammenleben, im Garten, in seinen Wanderungen diesen Bezug zur ganzen Schöpfung in neuer Weise vertieft. Auch in seinen Kursen, wie im „Zen des glücklichen Wanderns“ (Buch und CD), ist dieser Aspekt höchst bedeutsam geworden. Sich in der Schöpfung Gottes bewegen, gehen, langsam und achtsam. Das „glaubwürdige Gehen“, egal wo, aber bevorzugt in der Schöpfung Gottes, als Meditation, als Hilfe für den „Weg nach innen“.

Das ist auch die Grundbotschaft seines Lebens: „Der Weg des Menschen geht nach innen – auf Gottesbegegnung hin!“ Das ist der rote Faden seiner Kurse, seiner Begleitung, seiner Lehre. Deshalb konnte er manchmal an Welt und Gesellschaft auch zu zweifeln beginnen, wohin sie denn läuft. Die Unruhe und Geschäftigkeit im Außen, die „Verzettelung“, sie war ihm verdächtig. Ermin liebte es auch tätig zu sein, für andere zu arbeiten, schien dabei aber ganz er selbst und bei sich zu sein.

Ein Markenzeichen seines Lebens, Lehrens und Schreibens ist zudem die Freude an den Originaltexten und den wirklichen Aussagen spiritueller Menschen, vor allem in Tradition und Mystik. So saß er im Wohnzimmer seiner Familie und war vertieft, las, dachte und sann darüber nach. Ob bei griechischen oder lateinischen Texten, es war ihm wichtig, aus den Quellen zu hören und zu verstehen, was die Mystiker und Mystikerinnen uns zu sagen haben. Daraus sind seine Vorträge entstanden, Schriften und Bücher (u.a. „Das Buch der ewigen Weisheit“). Der Weg der Mystiker*innen war ihm Leitbild und Beispiel. Immer wollte er Hinweise für den rechten Weg nach innen, für den Weg zum Geheimnis des Lebens finden.

Der Weg, den Ermin Döll lehrte, war ein praktischer und ganzheitlicher Weg, der auch den Leib miteinbezogen hat. Dieser Weg hat sich rationalen Abgrenzungen entzogen und konnte zu ungeahnten Erfahrungen führen. Ermin Döll hat in Meditation und Zen den Boden seiner geistigen Beheimatung nicht zurücklassen müssen. „Mich hat der Umweg zu den eigenen Wurzeln zurückgeführt, und zwar wirklich zu den Wurzeln christlicher Spiritualität, die ich in der christlichen Mystik, voran in Meister Eckhart, entdecken konnte“, so schreibt er. Ermin Döll gewann die Einsicht, dass die zunächst scheinbar so ganz verschiedenen Ausgangspunkte am Ende „zu einer Erfahrung führen, die als religiöse Grunderfahrung wohl hinter jeder institutionalisierten Religion liegt“. Hinfinden zur eigenen Identität, die „im eigenen Grund verwurzelt und verankert ist“ – jenseits aller Fremdbestimmung und Indoktrinierung! Durchstoßen zu dem Grund unseres Daseins – jenseits aller rationalen Selbst- und Gotteserkenntnis! So lehrte er eine Übung der Sammlung und Versenkung, die in der christlichen Mystik in etwa als „Gebet der Ruhe“ und des „schweigenden Offenseins“ bekannt ist.
Ermin Döll war ein gewissenhafter Mensch mit einem ausgeprägten Verantwortungssinn. Man konnte sich auf ihn verlassen. Das war im Bereich Spiritualität und Exerzitien im Kardinal König Haus ganz konkret zu erleben. Offenbar hat es ihn die letzten Wochen viel gekostet, diese Verantwortung für Menschen und Aufgaben abzugeben, loszulassen, so erzählt seine Familie.

Wie Meister Eckhart ging es ihm um die Praxis, er wollte nicht bloß Lehrmeister sein, sondern Lebemeister. Leben und Lehre waren für Ermin nie getrennt. Was er lehrte, wollte er auch leben. Und dabei zog ihn ein Geheimnis tief innen an. Das gab seiner Gegenwart noch ein ganz eigenes Leuchten. Er konnte in kurzen Begegnungen, in wenig Zeit eine große Wirkung auf andere ausüben. Eine ehemalige Kursteilnehmerin berichtet: „Auch ich habe bei ihm ein Einführungswochenende (für Zen) gemacht und das Gefühl, dass er weit in mein Leben hineingewirkt hat mit dieser kurzen Zeit.“ So hat er viele Menschen mitgenommen und mitgehen lassen auf dem Weg nach innen.
Im Bereich Spiritualität und Exerzitien werden wir mit Personen, die Ermin Döll selbst empfohlen hat, weiterführen, was er so fruchtbar hier im Haus und an anderen Orten begonnen und bewirkt hat.

P. Josef Maureder SJ

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Foto: Irmgard Volgger Veto

Begräbnis Ansprache, P. Maureder SJ (Joh 14,1-6)

Botschaften von Ermin Döll an uns, da wir Abschied nehmen.

•    Geh den Weg nach innen –
      die Natur wird dir helfen

Das war sicher die entscheidende Botschaft in seinem Leben und Lehren: Der Weg des Menschen, wenn er gelingen soll, geht nach innen. Selbst nicht im Außen, in der Fremdbestimmung hängen zu bleiben. Ganz man selbst werden, zum eigenen Grund, zur eigenen Identität finden. Und vor allem so zum Grund unseres Daseins durchstoßen, zum Grund allen Lebens. Es ging Ermin immer um die Gottesbegegnung.

mehr...

Dazu passt es auch, dass Ermin ganz andächtig im Wohnzimmer sitzen konnte, Stunden, um die Originaltexte, die Quellen großer spiritueller Meister und Mystiker zu studieren. Eben nach innen gehen und hören, auch den Aussagen auf den Grund gehen, um sie ganz verstehen.
Auf dem Weg nach innen, zum Grund des Daseins war ihm die Schöpfung wie der goldene Weg (vgl. Bilder!). Auf die Berge steigen, im Garten arbeiten, das Zen des glücklichen Wanderns! Keine Frage, dass sich für Ermin die eingeübte franziskanische Spiritualität mit einer tiefen Erfahrung hier verstärkt hat. Die Erfahrung, dass vor allem in der Natur der Weg zum Schöpfer allen Lebens sicherer zu finden ist. Die Liebe zur Natur, zum Holz, zu den Tieren hat auch andere angesteckt (Daniel, Noemi).

> Geh den Weg nach innen, die Natur wird dir helfen!

•    Geh langsam, wo auch immer du gehst –
damit du bei allem ganz dabei sein kannst

In verschiedenen Situationen konnte Ermin öfter sagen: „Langsam, langsam, nicht so schnell!“ Auch beim Reden: Nicht so nebenbei die Dinge sagen oder machen. Damit man ganz dabei sein kann. Das gleichmäßige Gehen, gleich wo, das war für ihn der Schlüssel, das Training, um präsent, da zu sein.
In relativ späten Jahren, Ermin war schon 57, da hat er sein Lebenskonzept nochmals geändert. Verschiedene Erfahrungen haben ihn dazu gebracht. Aber es war vor allem die Begegnung mit Eva. Wirklich kein leichter Schritt, kein einfacher Weg, durch ein Spalier von eigenen Zweifeln, der Fragen und Enttäuschungen anderer. Ermin war bereit, einen ganz neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Und auch hier zeigt sich das „Langsame Gehen“ und das Ganz dabei sein. Ermin war es wichtig, dass der Schritt keine Trümmer hinterlässt. Schritt für Schritt hat er in Begleitung vor Gott seinen Weg gesucht. Er konnte ehrlich danke sagen für die Zeit im Orden. Dann aber war er ganz da für die wachsende Familie ohne Rückblicke mit Bedauern. Es wirkt tatsächlich wie ein gelungener, ein geschenkter Abschied und Neubeginn. Bei all dem, was dabei auch weh getan hat. Langsam gehen, versöhnt auf dem Weg sein.
Einen Ausspruch von Meister Eckhart hat Ermin Döll vor allem geliebt. Er ist auch auf seiner Parte von der Familie gewählt worden: „Was ist die wichtigste Zeit? Die Gegenwart! Was ist der wichtigste Mensch? Der, mit dem Du gerade zu tun hast. Was ist das wichtigste Werk? Das, was Du gerade tust – in Liebe!“

> Geh langsam, damit du bei allem ganz dabei sein kannst – biblisch mit ganzem Herzen, voll Liebe!

•    Bleib auf dem Weg –
heim zum Vater

So würde wohl Ermin einem jeden von uns heute sagen, so hat er es auch seinen Kursteilnehmer*innen gesagt: Bleibt auf dem Weg! Und es war für ihn in jedem Moment ein Heimweg zum Vater. Dieser Weg, wie es Meister Eckhart sagt, gelingt, wenn wir ganz bei dem sind, was wir tun und wenn wir es mit Liebe tun.
Ermin hat durch sein Leben gelernt, immer wieder auch Zelte abzubrechen, Dinge ganz aus der Hand zu geben, um Neues empfangen zu können. Und doch war dieses Leerwerden vor Gott, das Abgeben von Vielem, von dem er oft gesprochen hat, auch in der vorletzten Phase seines Lebens noch schwere seelische Arbeit. Er ist hindurchgegangen, auf dem Weg geblieben. „Vater, ich mach mich jetzt auf den Weg zu Dir nach Hause“, so haben ihn die Familienmitglieder in seinen Gesprächen mit Gott reden hören.

> Bleib auf dem Weg, heim zum Vater!

Liebe Familie von Ermin, Verwandte, Freunde!
Die Frohbotschaft aus dem Johannesevangelium, die wir soeben gehört haben, habe ich gewählt, weil es die Zusage Jesu an Ermin ist, in seinem treuen Gehen, auf seinem Heimweg:
-    Da ist ständig vom Weg des Lebens die Rede. Von Jesus heißt es, dass ER hingeht zum Vater. Und dass wir diesen Weg kennen oder noch suchen, wie Thomas…
-    Dann bindet Jesus den gelungenen Lebensweg an seine Person und seine Botschaft: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.
-    Und die große Hoffnung: Im Haus des Vaters sind viele Wohnungen. Jesus verspricht hinzugehen zum Vater, um für uns einen Platz zu bereiten. Dann wird er wiederkommen, um uns zu sich zu holen. Jesus verspricht uns heimzuholen zum Vater. So wie es Ermin gewünscht und ersehnt hat.  
In den letzten beiden Wochen ist Ermin Döll immer ruhiger geworden, nach innen gewandt, frei. Er ist dem näher gekommen, den er sein Leben lang gesucht hat. Auf Gott hin hat er in seinem Leben und in seinen Lehren für andere Brücken gebaut.

Gefragt, was Emin wohl an Grundbotschaften hinterlassen würde, meinte seine Frau so treffend – und man kann darin Ermin selbst sprechen hören:
„Grundsätzlich: Der Weg geht nach innen – auf Gottesbegegnung hin!“
„Zu den Kursteilnehmer*innen: Bleibt auf dem Weg!“
„Zur Familie: „Es war gut so. Seid glücklich!“
„Zur Gesellschaft: „Komm zum Wesentlichen! Mein Gott, diese Verzettelung!“

In großer Dankbarkeit erbitte ich mit vielen Menschen, die Ermin Döll gekannt, geschätzt und geliebt haben, dass er leben darf in Gottes Gegenwart. AMEN.

Foto: Irmgard Volgger Veto

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Erinnerungen an Ermin Döll von Frau Helene Hendling-Ehmayr

Donnerstag-Abend, Zen-Meditation mit Ermin Döll: für manche von uns der wichtigste Termin einer Woche, oft der einzige Ruhepol in der Betriebsamkeit des Alltags, immer aber eine persönliche, eine tiefe Begegnung mit Ermin, unserem verehrten und geliebten Lehrer.

Wenn jemand zum ersten Mal da war, erkundigte sich Ermin vorerst nach der bisherigen Meditations-Erfahrung, gab Anregungen für die Sitzposition und fragte am Ende vorsichtig nach, wie es denn gegangen wäre. Die Verständigung, noch dazu in einer Atmosphäre der Stille, war wegen seiner zunehmenden Schwerhörigkeit nicht so einfach. Aber nichts wurde zum Problem mit ihm, er blieb immer natürlich und unkompliziert, und dadurch konnten auch wir unbefangen sein. In Ermins Vorträgen zwischen der ersten und der zweiten Sitzeinheit ließ er uns großzügig teilhaben an seinen Einsichten in Zen und Mystik. Ermin Döll hatte eine wunderbare Sprechstimme, tief und sonor, er sprach langsam und mit dichten Pausen. Nach der abschließenden Rezitation – immer Worte des Angelus Silesius – standen wir im Kreis, ein Lächeln und „Ich wünsche allen einen guten Nachhause-Weg und eine ruhige Nacht!“ Und dann blies er die Kerze aus.

Helene Hendling-Ehmayr

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Marcus Hillinger erinnert an ein Dichterwort, das Ermin sehr wichtig war und das er bei den Nachtwanderungen in Puregg am Sonnenaufgangsplatz gerne rezitiert hat:

Wohin auch meine Seele segelt, wandert oder fliegt,
alles, alles gehört ihr.
Welche Stille allenthalben.
Oh, wie gelassen die Seele,
wenn sie gleich einer reinen und einsamen Königin
ihr unendliches Reich in Besitz nimmt.

Juan Ramon Jimenez: Nocturno

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Foto: Irmgard Volgger Veto

Lebenslauf Ermin Joseph Döll

Geb. 28.02.1936 in Bamberg
Elternhaus in Roßstadt am Main
1942 – 1954 Schulbesuch in Roßstadt, Freiburg und Bamberg
1954 Abitur in Bamberg
1954 Eintritt ins Noviziat der bayrischen Franziskaner, im Franziskaner-
         kloster Dietfurt an der Altmühl
1955 – 1961 Philosophisch-Theologische Hochschule der Franziskaner in München
1960 Priesterweihe
Seit 1962 Arbeit in verschiedenen Pfarren und als Religionslehrer
         sowie im Leitungsteam des Meditationshauses St Franziskus in Dietfurt an der Altmühl
1992 Austritt aus dem Orden der Franziskaner
27.08.1992 Heirat mit Eva-Maria Westerhoff und Umzug nach Wien
17.07.1994 Geburt von Sohn Daniel
16.04.1997 Geburt von Tochter Noemi
Seit 1992 Kursleitung im Bereich Meditation an verschiedenen Bildungshäusern
                (besonders Kardinal-König-Haus, Haus der Stille Puregg, Stift Zwettl, St Virgil)
Gestorben am 23.01.2021 im 85. Lebensjahr

Foto: Irmgard Volgger Veto