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Impuls des Direktors

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Wirksam durch Reduktion – eine persönliche Herausforderung

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Wir verbinden Wirksamkeit nicht unbedingt sofort mit Reduktion. Darunter verstehen wir zunächst eher einen Verlust – mit ängstlicher Sorge, ein schmerzhaftes Weniger – im quantitativen Sinn, ein geringer-Werden – an Bedeutung, an Einfluss, an Macht. 
Reduktion könnte aber auch bedeuten, einfacher zu werden, direkter, ehrlicher, offener,…: in all unserem Denken, in unserem Reden und Tun. Reduktion könnte bedeuten zum Wesentlichen zu kommen. Es geht dabei nicht um quantitative Begrenzung, asketischen Verzicht oder bittere Armut. Reduzieren setzt voraus, dass wir immer wieder loslassen können – nicht nur Materielles. Ein Loslassen von bestimmten Vorstellungen, von fixen Konzepten meines Lebens oder von Vorurteilen schenkt mehr Freiheit und inneren Frieden – ein qualitatives „Mehr“ an Wirksamkeit – durch Reduktion.

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Unser Ordensgründer Ignatius hat als eines der geistlichen Prinzipien des Jesuitenordens auch ein „Magis“ vorgelebt – ein besonderes „Mehr“, ein „Größeres zur Ehre Gottes“, einen „Zuwachs“ an Glaube, Hoffnung und Liebe – an Dienst und Hingabe für den Nächsten. Das ist ein qualitatives „Mehr“, ein besonderes Maß des Lebens, das paradoxerweise besonders durch eine bewusste Reduktion in manchen Lebensbereichen erreicht wird.

Melanie Wolfers, eine Salvatorianerin, hat in ihrem Buch „Freunde fürs Leben – Von der Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein“ von der Überforderung eines „Selbstoptimierungsdrucks“ gesprochen, dem wir oft nicht standhalten können. Ob es um effizientere Arbeit, bessere Kommunikation oder ein gelasseneres Leben geht – uns wird von außen vermittelt oder wir haben sogar selbst das Gefühl, den Druck, dass es immer noch besser ginge, dass mehr möglich ist. Die Latte wird oft hoch gelegt.

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Wenn ich es nicht schaffe so zu sein – effizienter, schneller, besser, sogar „entspannter“ – dann entstehen oft Minderwertigkeitsgefühle, Angst und Selbstkritik, die nie gute Ratgeber sind.

Darüber, welchen Preis ich selbst oder auch oft jemand anderer für diese sogenannten „Optimierungen“ bezahlen muss, denken wir nicht gerne nach. Wir streben lieber weiter nach immer mehr Wohlstand, nach Erfolg, Anerkennung und Vergnügen – eher nach einem „quantitativen Mehr“. Ein immer größer werdendes „Plus-Denken“ – „das und das und das…“ – schenkt uns jedoch meist keinen inneren Frieden. Es gibt aber hoffentlich auch Stimmen in unserem Inneren, die für mehr Bescheidenheit plädieren. Reduktion kann und soll gerade dazu führen: zu mehr Bescheidenheit, Zufriedenheit und innerer Freiheit in meinem Leben.

Dadurch entsteht wieder Raum für eine andere Betrachtungsweise des Lebens. Dieses neu-Betrachten bringt Qualitäten mit sich wie Einsicht und Verständnis für meine Gesamtsituation oder auch Klarheit, was zu tun ist – was ich tun soll. Menschen, die so reduzieren können, die wirklich loslassen können, zeigen eine gewisse Gelassenheit, eine Bodenständigkeit und Respekt gegenüber der Vielfalt des Lebens und der Menschen.

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Mein Mitbruder P. Franz Jalic SJ hat einmal fünf Prioritäten definiert, die in einem geistlichen Leben wichtig sind und dem Einzelnen gut tun. Ich denke, dass diese Prioritäten, die so banal klingen, für jede und jeden von uns wichtig sind. An erster Stelle hat er den Schlaf genannt. Zweitens nannte er die Bewegung. An dritter Stelle war das Gebet, an vierter die Beziehungen – den Menschen, die uns viel bedeuten, Zeit zu schenken. An fünfter Stelle setzte er die Arbeit. Wir reduzieren manchmal genau das Falsche: Schlaf, Bewegung, stille Zeiten, Freizeiten, guttuende Beziehungen, gesunde Nahrung… die Arbeit reduzieren wir selten bewusst.

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Die Sehnsucht nach Reduktion von allem, was unser Lebensgefühl belastet, wird durch viele Quellen genährt. Welche wähle ich selbst für mich? Besonders mit einer Perspektive auf ein je wirksameres Leben. Das ist immer ein entscheidender Punkt: Wofür entscheide ich mich? Diese Fragestellung ist immer sehr subjektiv, sehr individuell. Es ist ratsam, mich in dieser Frage nach Reduktion in meinem Leben nicht mit anderen zu vergleichen. Es ist gut, den eigenen Weg zu gehen. Es ist eine persönliche Herausforderung.

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Ein Wort von Heinrich Spaemann begleitet mich schon lange:

„Was wir im Auge haben, das prägt uns,
dahin werden wir verwandelt, und wir kommen, wohin wir schauen.“

Dieses einfache Bild hilft mir immer wieder in meinen Orientierungen nach einem reduzierten, einfacheren Leben – es geht um mich, was ich im Auge habe:

  • Wie ist meine „Geschwindigkeit“ im alltäglichen Leben? Reduktion bringt Entschleunigung, die mir vielleicht sehr gut tut.
  • Wie ist meine „Verfügbarkeit“ – muss ich rund um die Uhr auf Abruf sein? Reduktion ermöglicht berufliche und private Auszeiten, Ruhezeiten.
  • Wie ist mein „Anspruchsdenken“, alles immer sofort haben zu können? Reduktion erlaubt mir vielleicht mehr Geduld.
  • Wie ist mein „Zeitverständnis“, wenn ich „auf eine bessere Vergangenheit hoffe“, oder mich für eine großartige Zukunft bereit halte? Reduktion hilft mir dankbar, ganz in der Gegenwart zu leben.
  • Wie sehen meine „Beziehungen“ aus – zahlreich virtuell oder digital, oberflächlich und distanziert? Reduktion ermöglicht wenige persönliche, herzliche Beziehungen – tiefe Freundschaften.
  • Wie groß ist mein „Besitz, mein Vermögen – mein Eigentum“? Reduktion lädt ein, so manchen überflüssigen Ballast los zu werden – freier, leichter zu werden.

Wir könnten hier unzählige Beispiele aus unserem alltäglichen Leben aufzählen, in denen gerade eine gute Reduktion von Belastendem, oder auch ein „nicht-Reduzieren“ von Dingen, die mir gut tun, ein „Mehr“ an Lebensqualität und innerer Freiheit bringen. Als achtsame, verantwortliche Menschen können wir durch unseren Lebensstil zeigen, dass es mehr gibt als ein bloß „quantitatives Mehr“, als nur immer ein „Plus“. Ich kann das mit meinen Möglichkeiten, auf meinem Lebensweg, den ich in Freiheit gehe, gut zum Ausdruck bringen. Reduktion führt mich zu einer immer größeren inneren Freiheit. Eine Definition von Reduktion ist für mich in diesem Sinn: „die Freiheit von vielem und zugleich für vieles in meinem Leben“. Ein unbegrenztes, weites Feld!

Ich wünsche uns allen – nicht nur durch Reduktion, Multiplikation und Vertrauen – eine erfüllende Wirksamkeit, viel Freude und Dankbarkeit dabei und vor allem Mut dazu, vieles zu verwirklichen

P. Friedrich Prassl SJ

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Finden Sie hier bisherige "Impulse" von P. Friedrich Prassl SJ:

Verkosten der Dinge von innen, August 2018

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser!, September 2018