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Religionskompetenz

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Mary Kreutzer, Politikwissenschafterin und Leiterin der Einrichtung Missing Link der Caritas der Erzdiözese Wien, im Gespräch mit Georg Nuhsbaumer

 

 

 

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Zunehmende Komplexität durch Migration bringt Fragen nach einem Umgang mit religiöser Vielfalt mit sich. Religion ist für viele Menschen mit Migrationshintergrund ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität. Im beruflichen Kontext von Bildung, öffentlichem Dienst, Gemeinwesen- und Sozialer Arbeit sind Fachkräfte nicht nur mit religiöser Vielfalt konfrontiert, sondern auch mit dem eigenen Nähe- oder Distanzverhältnis zu Religion. Gleichermaßen sind Wissen und Reflexion über Religionen erfordert.

Das Kardinal König Haus bietet ab Februar 2019 erstmals einen Lehrgang Religionskompetenz in der Migrationsgesellschaft an, in dem Personen, die im Arbeitskontext mit religiöser Diversität zu tun haben, Wissens-, Selbst- und Interventionskompetenz entwickeln können.

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Warum braucht es Religionskompetenz? Was hat sich in den letzten Jahren gesellschaftlich in Hinblick auf das Phänomen Religion verändert?

Es gibt in meiner Wahrnehmung in den letzten Jahren sehr gegenläufige Entwicklungen in Europa. Einerseits beobachten wir das Anwachsen einer massiven Ablehnung von Religion, religiösen Menschen und deren Praxis. In der Überspitzung vertreten und verbreiten solche Positionen prominente sozialdarwinistische Biologist/innen, wie etwa Richard Dawkins. Die jüngsten Debatten, etwa rund um die Knabenbeschneidung, das Schächten, die Euthanasie, etc., zeigen auf, dass der neue und immer breitere Teile der Bevölkerung erreichende Diskurs meist gegen religiöse Minderheiten gerichtet ist und als rassistisch, menschenfeindlich, antimuslimisch und antisemitisch bezeichnet werden kann. Mit dem klassischen Freidenkertum, wie wir es im 19. und 20. Jahrhundert kannten, und das primär Herrschaftskritik war, also Kritik an der unseligen Allianz zwischen Thron und Altar, hat diese Form des „neuen Atheismus“ nichts mehr zu tun.
Andrerseits ist Religion durch die Migration von Menschen aus nicht-säkularen Ländern allgegenwärtig wie schon lange nicht mehr. Wir sehen neue Kirchen, meist evangelikaler Prägung, Moscheen und muslimische Gebetsräume, Tempel und Räumlichkeiten für Buddhist/-innen, Hindus, Sikhs, uvm. Die Religion ist „wieder“ hier, und mit ihr auch politische Begehrlichkeiten und Konflikte, sowie politisierte und ideologisierte Formen von Religion und der politische Missbrauch von Religion.

Wo kann man in der sozialen Arbeit den Bedarf nach Religionskompetenz wahrnehmen? Welche konkreten Herausforderungen stellen sich dort?
In der Sozialen Arbeit stellen ganz unterschiedliche Fragen, die manchmal nur vordergründig, manchmal aber auch sehr real, mit Religion zu tun haben. Immer offensichtlicher wird, wie erstaunlich wenig wir über die Vereine, Kirchen, Gruppierungen, religiösen Minderheiten, etc. wissen, die teilweise seit Jahrzehnten Tür an Tür mit uns leben. Wie wenig Mut zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit schwierigen Themen wir bewiesen haben. Wie wenig wir bereit sind, die Ambivalenzen, die sich dabei auftun könnten, auszuhalten.
Im Integrationsbereich stellen sich oft die Fragen: Mit wem kooperieren wir, mit wem nicht? Haben wir genügend Wissen, um Positionen transparent zu machen, und uns dann darüber auf Augenhöhe auszutauschen?
Ganz praktisch werden Fragen in der Unterbringung von Geflüchteten bedeutsam:
Ist der Streit zwischen zwei Familien religiöser Natur? Wie lange schauen wir zu, wenn Yeziden von Sunniten ständig drangsaliert werden? Ist die Fahne im Zimmer eines Klienten tatsächlich vom IS? Die Kinder einer Klientin dürfen zu keinem Hausfest, an dem Musik gespielt wird – wie kann ich und ab wann soll ich, eingreifen? Klientinnen tragen Mundschutz, seit die Vollverschleierung verboten ist – mich macht das aggressiv. Wie kann ich damit umgehen? Was ist der Unterschied zwischen radikalisiert-sein und einer erzkonservativen Auslegung von Religion? Eine christliche religiöse Jugendgruppe unterrichtet die Kinder in einem Haus ehrenamtlich und sehr engagiert, aber ich habe gehört, dass sie sonderbare gesellschaftliche Vorstellungen haben. Ein Klient wurde bei seiner Einvernahme von der Richterin verächtlich behandelt, die ihm nicht glauben wollte, dass er vor 10 Jahren im Herkunftsland konvertiert ist.
Solche und viele andere Fragen beschäftigen uns in der Begleitung, Beratung, Betreuung und Beherbergung von Menschen diverser Herkunft. Die Fragen der Altersheime, der Bestattungsformen, der Friedhöfe, werden uns in den nächsten Jahrzehnten ebenfalls intensiver als bisher begleiten.

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Wie kann Religionskompetenz Soziale Arbeit qualitativ verbessern?
Wenn wir davon ausgehen, dass Soziale Arbeit möglichst auf Augenhöhe geschehen soll und die Klient/innen als ganze Menschen ernst nehmen soll, dann ist deren religiöse Identität in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt ernst zu nehmen. Gerade in schwierigen Phasen des Lebens, sei es in Haft, auf der Flucht, bei Krankheit oder am Ende des Lebens, spielt Religion für viele religiöse Menschen eine wichtigere Rolle als sonst. Diese religiöse oder spirituelle Dimension des Lebens auch dann ernst zu nehmen, wenn man selbst kein spiritueller oder religiöser Mensch ist oder einer anderen religiösen Tradition angehöhrt, ist ein wichtiger Teil der Begegnung mit Menschen in Krisensituationen.
Im Integrationsbereich ist dieses Thema noch präsenter. Ängste vor einer „Islamisierung“ sind in der Mehrheitsgesellschaft genauso vorhanden, wie Ängste vor „Identitäts- und Religionsverlust“ bei manchen Flüchtlingen und Migrant/innen. Damit offen umzugehen und letztlich lösungsorientiert arbeiten zu können, benötigt Religionskompetenz.

Was ist deine Vision für unsere Gesellschaft im Hinblick auf die Vielfalt von Kulturen und Religionen?
Religion ist ein integraler Bestandteil im Leben vieler Menschen. Egal ob Gläubige, Atheist/- innen oder Agnostiker/innen: wir sollten Diversität nutzen, um Gemeinschaft zu ermöglichen, in der ein gutes Leben für alle möglich ist. In einer Gesellschaft, die massiv dazu tendiert, das Individuelle zu fördern, und die Gemeinschaft zu zerstören, wird diese Kompetenz immer dringlicher.
Was wir brauchen, ist eine Gesellschaft, in der wir einander unabhängig von unserer Religion oder Nichtreligion als Menschen und StaatsbürgerInnen ernst nehmen und als grundsätzlich gleich betrachten, eine Gesellschaft, in der die religiösen Apparate traditioneller Großreligionen vielleicht auch einiges an Privilegien verlieren, wenn dafür die neue Vielfalt religiösen und spirituellen Lebens entsprechend respektiert wird. Religionsfreiheit im umfassenden Sinn und Säkularismus nicht nur als Schutz des Staates vor religiöser Machtpolitik, sondern auch als Schutz der Religionen vor einem totalitären Zugriff des Staates, ist dafür Grundvoraussetzung.

Vielen Dank für das Gespräch.