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Editorial

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Könnten Sie sich vorstellen, dass es auch anders geht?

Fragen sind wirksamer als Antworten.

Mein Vorgesetzter im Jesuitenorden hat mich im Jahresgespräch gefragt: In welchem Bereich deines Lebens möchtest du wachsen? Diese Frage hat mich überrascht – und sie begleitet mich seither.

Menschen, die mir Fragen stellen, erlebe ich als interessiert. Schwierig wird es mit Menschen, die keine Fragen mehr stellen, sondern mir nur ihre Antworten präsentieren wollen. Es gibt so viele, die schon alles wissen. Sie möchten nur Aufmerksamkeit, um ihre Antworten zu geben. Und das gibt es auch bei Institutionen: Antworten werden gegeben – ohne Bezug zu realen Fragen. Langweilig.

Wenn es um Horizont-Erweiterung, um Kultur-Entwicklung und um inneres Wachstum geht, dann sind Fragen wirksamer als Antworten. Das wissen wir aus den Dialogen des Sokrates, wo er mit seiner Methode des Fragens die Menschen zum selbständigen Denken führt. Der zwölfjährige Jesus ist ohne seine Eltern im Tempel von Jerusalem. Und was hat er dort getan? „Er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen.“ (Lk 2,46b).

Vom Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) kennen wir die vier großen Fragen:
•    Was kann ich wissen?
•    Was soll ich tun?
•    Was darf ich hoffen?
•    Was ist der Mensch?

Max Frisch hat in seinem Tagebuch eine ganze Reihe interessanter Fragebogen (an sich selbst) erstellt. Eric Kandel, 1939 aus Wien geflüchtet, erinnert sich an die Frage seiner Mutter: „Hast du heute in der Schule eine gute Frage gestellt?“


Und schließlich Kardinal Franz König. Seine drei klassischen Fragen sind immer wieder neu:
•    Woher komme ich?
•    Wohin gehe ich?
•    Welchen Sinn hat mein Leben?

Natürlich sind auch Antworten wichtig, zum Beispiel in einem Bewerbungsgespräch. Aber die Fragen, die eine Bewerberin oder ein Bewerber stellt, die beschäftigen mich oft mehr!

Fragen öffnen einen Raum der Imagination, des Nachdenkens, des Wachsens. Sie stärken unseren Möglichkeitssinn (Robert Musil).

Die für mich schönste Form, mit Lebensfragen umzugehen, hat Rainer Maria Rilke vorgeschlagen in den Briefen an einen jungen Dichter. Er antwortet Franz Xaver Kappus, einem jungen Studenten an der Militärakademie in Wiener Neustadt, der ihm große Fragen stellt:

„Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben können. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

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Zuversicht, Inspiration + Segen wünscht Ihnen
Ihr P. Christian Marte SJ,
Direktor

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