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Interview

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Lebensqualität bei Demenz –

Was bedeutet das konkret?

Christian Metz: „Gutes Leben – trotz Demenz“: diese Perspektive leitet uns bei der Gestaltung der diesjährigen Themenwoche Demenz (7.–14. Oktober 2017) im Suchen und Fragen, worauf es entscheidend ankommt, um Menschen mit Demenz angemessen wahrzunehmen und ihnen möglichst auf Augenhöhe begegnen zu können. Was ist Ihrer Einschätzung nach hier besonders wichtig?
Prof. Andreas Kruse: Eine genaue Analyse des Erlebens und Verhaltens demenzkranker Menschen zeigt, dass die Erfahrung von Bezogenheit in allen Phasen der Demenz entscheidende Bedeutung für das Wohlbefinden besitzt. Damit ist gemeint, dass demenzkranke Menschen nicht aus vertrauten sozialen Kontexten ausgeschlossen werden, sondern dass sie – im Gegenteil – weiterhin eine offene, sensible, konzentrierte Zuwendung erfahren, und dies auch dann, wenn sie zur verbalen Kommunikation nicht mehr in der Lage sind und ihre aktuelle Befindlichkeit wie auch ihre aktuelle Motivlage nur aus Mimik und Gestik erschlossen werden kann. Die Erfahrung der Bezogenheit, die Erfahrung offener, sensibler und konzentrierter Zuwendung ist an die Fähigkeit und Bereitschaft der sozialen Umwelt gebunden, die Menschenwürde des Demenzkranken ausdrücklich anzuerkennen und Möglichkeiten zu eröffnen, dass sich diese tatsächlich verwirklichen, dass sich diese „leben“ kann.

C. Metz: Was bedeutet eine solche Einstellungsänderung und wie wirkt sich diese aus für die konkrete Begegnung?
Prof. A. Kruse: Dies heißt, sich primär an den aktuellen Bedürfnissen und Neigungen wie auch an den Ressourcen eines demenzkranken Menschen zu orientieren und nicht allein eine pathologische und defizitorientierte Sicht dieses Menschen einzunehmen. Dies heißt weiterhin, nicht die demenzkranken Menschen zu generalisieren, sondern deren Verschiedenartigkeit genauso zu erkennen wie die Verschiedenartigkeit jener Menschen, bei denen keine Demenz vorliegt. Und dies heißt drittens, dass keine Graduierung der Menschenwürde in der Hinsicht vorgenommen wird, dass demenzkranke Menschen „weniger“ Menschenwürde besäßen; damit ist auch ausgedrückt, dass die grundsätzliche Unterscheidung zwischen demenzkranken Menschen als psychopathologisch „auffälligen“ und nicht-demenzkranken Menschen als psychopathologisch „unauffälligen“ vermieden wird. Diese grundsätzliche Unterscheidung – in der auch die Abgrenzung von jenen Menschen zum Ausdruck kommt, bei denen eine Demenz vorliegt – wird von einzelnen Autoren als das eigentliche Problem in der Kommunikation mit demenzkranken Menschen gewertet; es ist gerade diese Unterscheidung, die die grundlegende Bezogenheit demenzkranker Menschen tiefgreifend stört oder sogar aufhebt.

C. Metz: Welche Weichenstellung und Bedeutung kommt hierbei dem jeweiligen Menschenbild zu, welche Einseitigkeiten gilt es vor allem zu vermeiden?
Prof. A. Kruse: Die Gefahr einer Graduierung der Menschenwürde ergibt sich im Falle der Dominanz eines Menschenbildes, das sich ausschließlich an den kognitiven Leistungen eines Menschen orientiert und bei eingetretenen kognitiven Verlusten dessen Würde grundlegend in Frage stellt. Dabei ist zu bedenken, dass gerade bei Vorherrschen eines derartigen Menschenbildes die noch bestehenden Ressourcen eines demenzkranken Menschen übersehen werden, die vielfach im emotionalen, im empfindungsbezogenen, im kommunikativen und im alltagspraktischen Bereich liegen. Diese nicht-kognitiven Ressourcen sind für die Selbstaktualisierung eines Menschen genauso wichtig wie die kognitiven Ressourcen. Und da hier von der Annahme ausgegangen wird, dass die Selbstaktualisierung ein bei allen Menschen erkennbares, zentrales Motiv bildet, ist – nach unserem Verständnis – mit einem reduzierten, da ausschließlich die kognitiven Leistungen betonenden Menschenbild die Gefahr verbunden, den demenzkranken Menschen in der Verwirklichung eines zentralen Motivs zu beschneiden.

C. Metz: Selbstbestimmung und Selbstverantwortung stehen in unserer Gesellschaft hoch im Kurs. Das vielschichtige „Phänomen Demenz“ macht wohl auch deswegen besonders Angst, da es unsere Vorstellungen von Planbarkeit, Kontrolle und Autonomie erheblich durchkreuzt. Inwieweit ist ein Leben mit Demenz denn überhaupt noch selbstverantwortlich zu gestalten?
Prof. A. Kruse: Mit Blick auf die Selbstverantwortung ist hervorzuheben: Wenn im Kontext der Begleitung demenzkranker Menschen in den späteren Phasen der Erkrankung von Selbstverantwortung gesprochen wird, so ergibt sich in besonderer Weise die Notwendigkeit eines möglichst umfassenden Verständnisses dieses Konstrukts. Es geht hier nicht mehr um die Frage, inwieweit diese Menschen in der Lage zu selbstverantwortlichen Entscheidungen und Handlungen sind. Vielmehr steht die Frage im Zentrum, inwieweit in späten Phasen der Demenz einzelne Qualitäten des Selbst, wenn auch nur noch in Ansätzen, wenn auch nur noch in Inseln, erkennbar sind und dazu beitragen, dass sich die Selbstverantwortung in ihrer basalen Form ausdrücken kann. Dabei ist zu berücksichtigen: Die Selbstverantwortung zeigt sich bei einer weiter fortgeschrittenen Demenz bei weitem nicht mehr in jener Prägnanz, in der sie vor der Erkrankung oder auch noch in ihren frühen Krankheitsstadien erkennbar gewesen ist. Doch kann auf der Grundlage differenzierter Beobachtungen des verbalen und nonverbalen Verhaltens wie auch des emotionalen Ausdrucks die Annahme getroffen werden: Der demenzkranke Mensch spürt, dass er es ist, der auf einen Reiz in seiner Umwelt reagiert oder der sich spontan verhält, dass er es ist, von dem gerade eine bestimmte Aktivitätsform ausgeht, und eben nicht ein anderer Mensch, zum Beispiel sein Gegenüber. In dieser basalen Form der Selbstverantwortung kommt ein zentrales menschliches Motiv zum Ausdruck, nämlich Verantwortlicher für das eigene Handeln zu sein.

 

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Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse, Studium der Psychologie, Philosophie und Musik. Ordinarius für Gerontologie, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg. Vorsitzender der Altenberichtskommission der deutschen Bundesregierung.

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