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Nachlese

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Aufbrüche

Europa befindet sich seit längerem in einem grundlegenden Religionswandel. Es ist mittlerweile ganz deutlich, dass die alten konfessionellen Grenzen und Annahmen immer rascher dahinschwinden und damit auch Sicherheiten und Orientierungen. Zudem ändert sich auch die Religionsgeographie: in Europa leben Menschen aus aller Welt und bringen ihre Religionen und Spiritualitäten mit. Der Wandel betrifft nicht nur die großen Städte, sondern auch die ländlichen Gebiete. Überall gibt es heute Menschen, die als „spirituelle Wanderer“ nach neuen Wegen der Spiritualität suchen, außerhalb und innerhalb der etablierten kirchlichen Institutionen. Religionssoziologen sehen in den „spirituellen Wanderern“ den vorherrschenden religiösen Typus der Gegenwart (Bochinger et al, Die unsichtbare Religion in der sichtbaren Religion, Kohlhammer 2009).

Der Aufbruch aus alten Sicherheiten ist unvermeidlich, doch woran kann oder soll man sich orientieren? Wie kann ein Christentum aussehen, das sich nicht mehr nur über europäische Vorstellungen definiert, sondern „katholisch“ im Sinne von „umfassend“ ist?
Diesen Fragen widmet sich der Lehrgang „Aufbrüche – christliche Spiritualität in der Weltgesellschaft“, der nun zum fünften Mal mit Unterstützung der Superiorenkonferenz der österreichischen Männerorden stattinden kann.

Was können die „großen Wörter“ wie Gerechtigkeit, Heilung, Erleuchtung, Frieden in einer Welt bedeuten, in der Unfrieden und Unrecht an der Tagesordnung sind? Der Lehrgang kann und will keine abschließenden Antworten darauf geben. Vielmehr geht es darum, in insgesamt 13 Wochenenden gemeinsam aufzubrechen und sich auf den Weg zu machen. An jedem der Wochenenden kommen wichtige Aspekte der Veränderung zur Sprache: eine neue Lektüre der Bibel; Gerechtigkeit als das Verbindende von Judentum, Christentum und Islam; Friedensarbeit von Buddhisten und Christen; ein neues, tieferes Verhältnis zur Schöpfung zu finden, das sich an den Einsichten des Schamanismus orientiert; Formen der Umsetzung im Alltag; Spiritualität in der zeitgenössischen Kunst, usw.

Genauso wichtig wie Fragen der Gegenwart ist die Wiederentdeckung der  spirituellen Einsichten der Vergangenheit. Das Kennenlernen von Quellentexten christlicher Spiritualität  - beginnende mit den Wüstenvätern und -müttern über die verschiedenen Formen mittelalterlicher Spiritualität und den spirituellen Lehrerinnen und Lehrern der Neuzeit bis hin zur Gegenwart -  ein zweiter, wesentlicher Teil des Lehrgangs. Das dritte „Standbein“ ist die eigene Erfahrung: einerseits als leiborientierte psychotherapeutisch begleitete Selbsterfahrung, zum anderen aber  vor allem in einer durchgehenden Kontemplationspraxis. Zudem gibt es ein fünftägiges Einführungsseminar in die Praxis des Zen.

Die zwanzig Teilnehmenden am Lehrgang „Aufbrüche“ suchen dabei nicht nur für sich selbst nach einer radikal zeitgenössischen christlichen Spiritualität, die sich im Kontext der entstehenden Weltgesellschaft artikuliert, sondern tragen damit auch zur notwendigen Erneuerung der Kirche bei. Das biblische Vorbild für das Projekt „Aufbrüche“ ist Abraham, der aufbrach ohne das Ziel seines Weges zu kennen, doch im Vertrauen darauf, dass Gott ihn führen wird.